Rosenheim – Es geht abwärts mit Stand und Landkreis, und das ist diesmal eine gute Nachricht: Den fünften, beziehungsweise sechsten Tag in Folge bewegten sich Landkreis und Stadt Rosenheim unter einer Sieben-Tage-Inzidenz von 1000. Oberbürgermeister Andreas März (CSU) äußerte sich erfreut: „Ein Lichtblick“. Allerdings ein zerbrechlicher. Denn, so sagt März: „Die Dynamik des Infektionsgeschehens im November war brutal.“ Die Intensivstationen seien „unverändert am Anschlag“. Mit den aktuell angestoßenen Diskussionen um die Begrenzung einer möglichen Impfpflicht ging der Oberbürgermeister hart ins Gericht: „Es ist mir unbegreiflich, wie man so realitätsfremd diskutieren kann.“
Vorerst gelten nun in der Region wieder Lockerungen. Gastronomen dürfen ab heute unter der 2G-Regel wieder öffnen, Sportstätten und Kultureinrichtungen wie Museen unter Einhaltung der 2G-plus-Regel. Im Einzelhandel darf nun wieder je zehn Quadratmeter Ladenfläche ein Kunde in die Räumlichkeiten.
Stadt lässt einen
Tag verstreichen
Die Grundlage dafür gab, so wie gesetzlich vorgeschrieben, die amtliche Bekanntmachung der gesunkenen Inzidenzzahl. Und da ließ Rosenheim sogar einen Tag verstreichen. Die Stadt Rosenheim hätte – wie der Landkreis Traunstein – am Sonntag schon ein Ende des Lockdowns ankündigen können. Denn auch sie zählte am Sonntag den fünften Tag hintereinander mit einem Wert von unter 1000.
„Unverzüglich“, so steht es in der Verordnung, sei das zu vermelden gewesen. „Ein dehnbarer Begriff“, sagt Thomas Bugl, Sprecher und Wirtschaftsdezernent der Stadt Rosenheim. Die Lager der Wirte seien leer, und bei den Fitnessstudios sei die Frage, ob sie so schnell ihre Trainer aus der Kurzarbeit hätten holen können. Vor diesem Hintergrund fiel die „sehr einhellige Entscheidung“, den stark geforderten Mitarbeitern der Stadtverwaltung einen „ungestörten zweiten Adventssonntag“ zu gönnen.
Bei den von Schließungen betroffenen Gaststätten, Museen und Sportstätten ist die Frage eher, wie lange geöffnet bleiben darf. Am Montag lag der Landkreis bei 885, die kreisfreie Stadt bei 792.
Der Abstand zur Tausendermarke ist dünn. Im November waren Sprünge um 100 und mehr keine Seltenheit. Der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamts Rosenheim hält es für zu früh, von einer Trendumkehr zu sprechen. Man dürfe sich nicht hinreißen lassen, „aufgrund der sinkenden Sieben-Tage-Inzidenz Entwarnung zu geben“, sagte Dr. Wolfgang Hierl.
Betrachtet man die Dynamik der vierten Welle, beachtet man aber auch die Prognosen für die Infektiosität der Omikron-Variante, kann man einen Jojo-Effekt befürchten. Zumal sich auch die Situation auf den Intensivstationen nach Auskunft des Romed-Verbundes nicht wesentlich entspannt. Mit 113 Patienten mit einer bestätigten Covid-19-Infektion, davon 19 Patienten auf Intensivstation, war Romed nur wenig vom Höchststand Mitte November entfernt. „Derzeit ist der Belegungsdruck in den Romed-Kliniken nach wie vor sehr hoch“, sagt Romed-Sprecherin Elisabeth Siebeneicher. Die Belegung spiegle das Infektionsgeschehen mit Verzögerung.
Die Gastronomie, die alle Voraussicht nach Dienstag sowohl in der Stadt als auch im Landkreis wieder öffnen darf, bleibt daher abwartend. Korbinian Vogl vom Flötzinger Bräustüberl spricht für viele. „An sich eine gute Nachricht“, meint er, „aber warten wir mal ab, ob an Donnerstag oder Freitag die Inzidenzen nicht wieder steigen.“ Eine rasche Rückkehr des Lockdowns wäre „verheerend“, sagt er. „Ein Betrieb unserer Größe benötigt drei Tage Vorlauf.“
Insgesamt äußern sich viele Kollegen skeptisch. Beispielsweise Theresa Albrecht, Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands, mit Hotel und Gaststätte in Rohrdorf. „Wir haben überhaupt keine Planungssicherheit“, sagt sie. „Wenn wir knapp unter 900 sind, dann können wir ruckzuck auch wieder bei 1000 und mehr sein. Bevor der Gast weiß, dass wir offen haben, müssen wir dann schon wieder zumachen.“
Für die Mitarbeiter sei diese Unsicherheit auch nicht gut. Sie müssten praktisch auf Standby bereitstehen. „Als Hampelmann fühle ich mich bereits, da muss es meinen Mitarbeitern nicht genau so gehen.“
Folge: die „Post“ in Rohrdorf könnte zunächst noch geschlossen bleiben. Auch der Rosenheimer Gastronom Giuseppe Tedesco, Chef von über 80 Mitarbeiten, klingt beim Anruf der OVB-Heimatzeitungen leicht verzweifelt. „Eine Riesenkatastrophe“, sagt er. Den Zahlen vom Montag traut er ohnehin nicht. Wegen des Wochenendes werden viele neue Fälle oft erst in den Tagen darauf gemeldet. So tritt an die Stelle verlässlicher Hilfszahlungen eine unsichere Öffnung. Kurz aufmachen, dann wieder schließen? „Ein Riesenchaos“, sagt er. „das wäre für uns nur ein Draufzahlgeschäft“, sagt Tedesco. Er will abwarten. „Eine Steigerung der Inzidenz am Dienstag, und sei es nur um zehn – dann mache ich nicht auf.“