Am Donnerstag gehe ich zur Beerdigung meiner Oma. Sie ist vergangene Woche im Krankenhaus gestorben. Sie war mit Corona infiziert, angesteckt in ihrem Seniorenheim.
Da sie 94 Jahre alt war, könnte man jetzt diskutieren, ob sie an oder mit Corona gestorben ist. Da sie zweifach geimpft war, könnte man auch diskutieren, ob die Impfung Sinn gemacht hat oder nicht. Man könnte ferner diskutieren, wer das Virus übertragen hat. Ihre Besucher waren doppelt geimpft. Von den Pflegekräften ihres Seniorenheimes waren erschreckend viele nicht geimpft.
Persönlich statt abstrakt
Plötzlich ist diese Impfdiskussion von einer abstrakten zu einer sehr persönlichen Sache geworden. Aber es geht nicht um Schuldzuweisungen.
Meine Oma hätte gerne noch ein weiteres Weihnachtsfest gefeiert. Da sie trotz ihres hohen Alters sehr robust war, wäre das ohne Corona vermutlich möglich gewesen. Aufgrund der Impfung hatte sie fast keine Symptome. Die Infektion hat sie aber im wörtlichen Sinn zu Tode erschöpft.
Während ich das schreibe, läuft mein E-Mail-Postfach wieder mal voll mit Beschwerden über die Corona-Berichterstattung. Viele Maßnahmen-Kritiker sind darunter, die uns als „regierungshörig“ abkanzeln. Aber auch ein Arzt und eine Leserin, die uns schimpfen, weil wir „rührselige Artikel“ über nicht geimpftes Pflegepersonal veröffentlichen. Beide sind der Ansicht, dass man solche Berichte und auch gleich alle Leserbriefe von Impfskeptikern bis Schwurbler am besten gar nicht mehr publizieren sollte. Löst das dann das Problem?
Nicht als die Bösen hinstellen
Vermutlich könnte meine Oma noch leben, wenn sie nicht angesteckt worden wäre. Das ungeimpfte Personal hat das Risiko einer Infektion für sie stärker erhöht, als es ihre geimpften Kontakte getan haben. Da sich erstere jedoch mehrere Jahre sehr liebevoll um sie gekümmert haben, ist es zu kurz gesprungen, sie jetzt als die Bösen hinzustellen.
Ich frage mich vielmehr, wie es sein kann, dass jemand im medizinisch-pflegerischen Bereich tätig ist und dabei offensichtlich das Vertrauen in die Schulmedizin verloren hat. Das müssen wir herausfinden. Denn da läuft dann etwas falsch.
Wenn wir aber einfach Leute, die aus welchen Gründen auch immer verunsichert sind, durch Ablehnung und Zensur in die Arme von Schwurblern treiben, dann ist keinem geholfen. Der Impfquote schon gar nicht. Wir müssen in Kontakt und im Gespräch bleiben. Angst lässt sich nicht wegverordnen, nicht wegbefehlen. Angst, ob vor der Impfung oder vor einer Covid-19-Erkrankung, muss man anerkennen und aussprechen dürfen. Das – und das weiß der Hausverstand – ist der erste Schritt, sie zu besiegen.