„Das schönste Geschenk“

von Redaktion

Fast ein Weihnachtswunder: Wie Hans M. seine Corona-Erkrankung überlebte

Rosenheim – Hans M. (41) hat einen neuen Sport für sich entdeckt. Er sieht sich am Nachmittag immer die Übertragung der Dart-WM an. Weil er dabei so gut entspannen kann, sagt er. „Man ist ja froh, wenn man mal eine Stunde seine Ruhe hat.“ Dass sich Hans M. schon wieder über Ruhepausen freuen kann, ist für ist für die, die ihn kennen, eine gute Nachricht.

Viele Tage auf
Messers Schneide

Denn Hans M. ist von Covid-19 schwer erwischt worden. Und einige Wochen lang sah es so aus, als werde der Rosenheimer nicht mehr zurückkehren. Nicht nur nicht mehr in den Job als Hausmeister. Sondern nicht mehr ins Leben. Über viele Tage hin stand es bei ihm auf Messers Schneide.

Dass er nun auf Reha in der Medical-Park-Klinik
Loipl in Bischofswiesen ist, im Berchtesgadener Land, dass er mit Verwandten und Freunden telefonieren kann, dass er dabei ganz munter klingt, fast schon nach dem Mann, den man vor seiner Corona-Erkrankung kannte: Das ist so etwas wie ein Weihnachtswunder für Freunde, Verwandte und Kollegen.

„Hab sogar meine
Schlüssel abgekocht“

Diese spezielle Weihnachtsgeschichte des Hans M. beginnt im September. Irgendwo steckt er sich an, wo weiß er nicht mit Sicherheit. Dabei habe er Corona nicht auf die leichte Schulter genommen, beteuert er. Im Gegenteil: Übervorsichtig sei er gewesen, immer, wenn er nicht allein gearbeitet habe, habe er die Maske getragen. „Ich hab während der ersten Welle sogar meine Schlüssel abgekocht.“

Während der ersten und zu Beginn der zweiten Welle hat es noch keinen Impfstoff gegeben. Also passt M. auf und vermeidet Kontakte. Und denkt, dass er damit die vierte Welle auch noch abreiten kann, lässt sich nicht impfen. „Ich habe einfach nicht gedacht, dass es mich so schwer treffen kann.“ Ein Irrtum, wie sich kurz vor einem Wochenende im Spätsommer herausstellt. In der Nacht weckt ihn ein schmerzhafter Husten. Tests geben ihm Gewissheit: Er hat Covid-19.

„Ich war dann noch eine Woche zu Hause“, berichtet er. Da sei es dann immer schlimmer geworden. Am nächsten Wochenende, in der Nacht auf Sonntag, wird er wieder wach. Nun hat er keine Kraft mehr. Er sieht nicht mehr richtig. Ein schwarzer Rand engt sein Sichtfeld mehr und mehr ein. Er kann nicht mehr. „Dann hab ich halt den Sanka gerufen“, berichtet M.

Er landet im Romed-Klinikum in Rosenheim, auf der Intensivstation. Dort verblasst seine Erinnerung. Irgendjemand habe ihn gefragt, ob er künstlich beatmet werden wolle. Das, meint er, zumindest gehört zu haben. Ganz sicher ist er nicht. Jedenfalls „haben’s mich dann ins Koma gelegt“.

Sein Zustand verschlechtert sich weiter. Mit dem Hubschrauber wird er schließlich ins Klinikum Großhadern nach München geflogen. Auf dem Bauch liegend, an der Beatmungsmaschine hängend kommt er an. Fünf Wochen lang versorgt ihn dort die Ecmo mit Sauerstoff. Ecmo ist die Abkürzung für Extrakorporale Membranoxygenierung, bekannter als künstliche Lunge. Er erinnert sich an Träume in jener Zeit. Richtig schlimme Träume, sagt er, „das waren Horror-Trips“.

Als er endlich aufwacht, hängt neben seinem Bett ein Merkblatt der Klinik. 5. November steht drauf. Über einen Monat lang war er weggewesen. Nun beginnt er sich langsam zu erholen. Und schließlich wird ein Rehaplatz frei. Im Berchtesgadener Land.

Dort kümmert sich unter anderem Professor Dr. Peter Rieckmann um ihn, Chefarzt Neurologie bei Medical Park Loipl in Bischofswiesen. Er hat gute Nachrichten. Herr M. habe bereits gute Fortschritte gemacht. „In vier bis sechs Wochen sollte er wieder laufen können.“

Rieckmann lässt auch die Blutgase messen. Ein wichtiger Anzeiger für den Zustand des Patienten. 80, 85 Prozent Sauerstoffsättigung habe der noch in München erreicht, jetzt sei er bei 97 Prozent. Und das in einer Höhe, in der manche Patienten „dekompensieren“, wie Rieckmann sagt. „Man kann sagen, er schöpft seine Möglichkeiten optimal aus.“

Überhaupt scheint ihn sein Patient zu überraschen. Da sei Übergewicht, da sei Bluthochdruck. Aber sonst? Die Lunge mache vergleichsweise gut mit, beim Gedächtnis und der Konzentrationsfähigkeit seien keine Einschränkungen festzustellen. Am deutlichsten sind die Veränderungen beim Gewicht. Gut 30 Kilo hat M. in all den Wochen abgenommen, vor allem die Muskeln haben sich stark zurückgebildet. Sein Patient zeige sich auch weniger erschüttert, weniger angefasst als andere Menschen, die auf der Intensivstation gewesen seien, sagt der Chefarzt. „Er scheint ein ausgeglichener Mensch zu sein.“ Noch eines sei bemerkenswert: Die Schmerzmittel seien bereits abgesetzt worden.

So stellt sich M. auch den Therapien. Gehen und Atmen, das alles muss er sich wieder aneignen. Um die Nieren, die während der Zeit unter Beatmung schwer gelitten haben, kümmern sich die Ärzte mit Medikamenten.

Viel Zeit
im Rollstuhl

Ein Fuß sei angeschwollen und taub, sagt er. Meist bewegt er sich im Rollstuhl. Alleine kann er vorerst nur mithilfe eines Rollators gehen, wenige Meter auf dem Flur des Krankenhauses. M. klingt dennoch nicht verzagt. „Momentan ist es einfach schön, dass es bergauf geht.“ Dazu muss er weiter trainieren. Harte Arbeit. „Von 8 bis 15 Uhr“, sagt er, „volles Programm. Das ist ganz schöner Stress.“ Deswegen tut ihm das Anschauen der Dart-WM so gut.

„Nicht mehr so viel
Angst vor dem Tod“

Irgendwann, so hofft er, wird es wieder halbwegs sein wie früher. Dass er sich nicht hat impfen lassen, „das war ein Fehler“, wie er sagt.

Sobald die Immunisierung durch die Infektion abgeklungen ist, will er sich zur Auffrischung impfen lassen. „Wenn einer weiß, dass Corona keine Grippe ist, dann ja wohl ich“, sagt er. Corona, so sagt er, habe ihn zum Nachdenken gebracht. Darüber, wie schön Normalität ist, mit dem Job und Mitmenschen. Und über vieles andere. „So viel Angst vor dem Tod“, so sagt er „habe ich nicht mehr.“ Er sei nah dran gewesen, meint er, und es sei nur wie Einschlafen gewesen.

Das Vordringen der Omikron-Variante des Virus legt sich aktuell wie ein Schatten über Heiligabend. „Das könnte ein bisschen bitter werden“, schwant es Hans M. Andererseits nimmt er es stoisch. „Weihnachten gibt‘s öfter.“ Peter Rieckmann sieht das Fest für ihn ohnehin gerettet: „Man könnte sagen, das schönste Geschenk hat er sich selber gemacht.“

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