Kein Lockdown, eher Lockerung

von Redaktion

Bei steigenden Zahlen: Diskussionen über den Weg aus der Pandemie

Rosenheim – Die Infektionszahlen schießen durch die Decke. In ähnlichem Tempo schwindet die Geduld: Trotz Sieben-Tage-Inzidenzen von deutlich über 1000 kann sich außerhalb der Kliniken offenbar kaum jemand mit dem Gedanken an einen erneuten Lockdown anfreunden.

Auch wegen des Eindrucks, Omikron könnte weniger heftig wirken. Mit dem Import von zuverlässigen Orakeln könnte man jedenfalls derzeit viel Geld verdienen. Die Dehoga-Kreisvorsitzende Theresa Albrecht gehört zu denjenigen, die sich eine Glaskugel wünschten. Um Klarheit zu gewinnen, ob die Omikron-Variante eher für leichtere Verläufe steht oder für ungehemmte Ansteckung, für die letzte Runde der Pandemie oder eine verheerende fünfte Welle. „Es ist gerade so schwierig, da etwas zu sagen“, meint sie. „Da bräuchte man eine Kristallkugel.“ Insgesamt aber fühlt sie sich „positiv gestimmt“. So viele Überraschungen habe man mit dem Virus erlebt, jetzt sehe es danach aus, als ob sich die kontaktfreudige neue Variante weniger verheerend als ihre Vorgänger aufführe. „Omikron scheint die Kliniken nicht mehr zu belasten“, sagt die Hotel-Unternehmerin aus Rohrdorf. Von daher sei es zu begrüßen, dass die Hotspot-Regelungen ausgesetzt seien. Immerhin habe sich die Dehoga dafür auch stark gemacht.

Auch Andreas Bensegger, Vorsitzender vom IHK-Regionalausschuss Rosenheim, hofft auf eine allmähliche Normalisierung. „Lockdown? Nein, bitte nicht“, sagt er, „ich begrüße auch, dass die 2G-Regel im Handel weg ist.“ Warum solle der Verkauf für den nicht-täglichen Bedarf infektiöser sein als der für den täglichen Bedarf? Somit findet er, dass man über das Thema Öffnungen nachdenken solle. „Nach und nach, nicht auf einen Schlag.“

Es scheint tatsächlich, dass Omikron zwar viele Menschen infiziert, aber mit weniger heftigen Verläufen. In den Kliniken scheint die Lage einigermaßen stabil. Sicher ist, dass Omikron die Stimmung geändert hat. Im Spätherbst vergangenen Jahres, vor wenigen Wochen, sprangen die Inzidenzzahlen der Region bereits über die 1000er-Marke. Für Stadt und Landkreis Rosenheim galten damit die Hotspot-Regelungen des Freistaats, ab 24. November galt der Lockdown.

Romed gegen
Lockerungen

Und jetzt? Die Landesregierung hat die Regeln ausgesetzt. Auch auf Bundesebene denkt die CSU über den Exit aus der Pandemie nach. Daher dürfte ein Lockdown kaum mehr zu erwarten sein, sogar weitere Öffnungen sind im Gespräch. Ministerpräsident Markus Söder will bei Kultur-Veranstaltungen mehr Zuschauer erlauben, Sportstadien sollen wieder für Fans geöffnet werden. Was Theresa Albrecht begrüßt: Man müsse mit „Maß und Ziel“ auch die gesellschaftlichen Aspekte der Pandemie beachten.

Ein Kurs, der in den Kliniken mitunter auf wenig Begeisterung stößt. „Lockerungen sind nicht der richtige Weg“, sagt Romed-Geschäftsführer Dr. Jens Deerberg-Wittram. Man erlebe gerade erheblich steigende Inzidenzen. „Und die deuten auf ein reges Infektionsgeschehen hin, das sich durch weitere Lockerungen verstärken wird.“ Im Romed-Verbund mit seinen vier Standorten in der Region führten die steigenden Infektionszahlen zu „erheblichen Personalausfällen, die uns vor allem in der Pflege große Sorgen machen“. Das sollten die verantwortlichen Politiker immer bedenken, mahnt Deerberg-Wittram.

Er werde sich nicht dazu äußern, das ließ gestern Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März ausrichten. Anders Rosenheims Landrat Otto Lederer (CSU). Einerseits äußert er Verständnis für die pandemiemüden Bürger. Andererseits sind ihm auch die „zahllosen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ im Gesundheitswesen bewusst, die seit zwei Jahren „oft an ihrer Belastungsgrenze“ schufteten. Er appelliert daher an die Menschen, sich mit Impfung und Hygieneregeln am Kampf gegen Omikron zu beteiligen. Verharmlosen dürfe man das Virus nicht.

Da würde ihm der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim sicher recht geben. Dr. Wolfgang Hierl kann aber zumindest mit zwei Neuerungen leben: damit, dass man sich künftig bei der Kontaktpersonen-Nachverfolgung vor allem auf den Schutz besonders gefährdeter Gruppen konzentriert, und damit, dass nunmehr geklärt werden soll, wie die Impfpflicht für Menschen in kritischen Bereichen umgesetzt werden soll. Das seien wichtige Anliegen der Gesundheitsämter gewesen, sagt Hierl.

Jens Deerberg-Wittram sieht die Entscheidungen des Staats auch da nicht als konsequent an. Nötig sei die allgemeine Impfpflicht, nicht aber die Impfpflicht nur für Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeheimen. „Wir bleiben dabei, dass die allgemeine Impfpflicht notwendig ist“, sagt der Romed-Chef. „Die einrichtungsbezogene Impfpflicht führt zu einer Ungleichbehandlung, die von vielen Mitarbeitern kritisch gesehen wird.“

Inzidenzzahlen und Klinikbelastung: Noch ist die Lage auf den Intensivstationen stabil

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Stadt und Landkreis Rosenheim geht durch die Decke: Am Samstag lag die Region erstmals wieder über 1000, am Montag waren die Zahlen auf 1087,0 für den Landkreis und 1154,3 für die Stadt gestiegen. Die Inzidenzkurve schießt ähnlich heftig in die Höhe wie vor zwei Monaten, als die Kurve zur Nadel wurde. Seinerzeit brach der Lockdown dieser Nadel die Spitze. Auch bei den Nachbarn steigen die Zahlen: Der Landkreis Traunstein verzeichnete gestern 930,2. Noch schlagen sich die Infektionszahlen nicht voll in den Krankenhausbelegungen nieder. Die Kliniken Südostbayern meldeten laut Landratsamt Traunstein gestern 36 Covid-19-Patienten, darunter vier auf der Intensivtation, einen weniger als am Freitag.

Bei Romed wirken sich die Infektionszahlen bislang auf die Normalstationen aus: Innerhalb von nicht einmal zehn Tagen stieg die Gesamtzahl der bestätigten Covid-19-Patienten von 28 auf 45. Allerdings präsentiert sich die Lage auf den Intensivstationen auch im Romed-Verbund noch stabil. Fünf waren es am Montag.

Allerdings sind diese Zahlen noch mit Vorsicht zu genießen: Die Ansteckungswelle traf die Intensivstationen in den vergangenen Monaten mit einer Verzögerung von gut zwei Wochen.

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