Rosenheim – Die „einrichtungsbezogene Impfpflicht“ könnte Betreiber von Unternehmen aus dem Gesundheitssektor in der Region Rosenheim vor große Probleme stellen. Schon jetzt kommen Heimen und Krankenhäusern offenbar Mitarbeiter abhanden, wohl auch wegen der Belastungen durch die Pandemie oder wegen der Gesetzesänderung.
Im Dezember 2021 und Januar 2022 waren insgesamt 251 Beschäftigte aus der Stadt und dem Landkreis Rosenheim bei der Agentur für Arbeit arbeitsuchend gemeldet, 165 mehr als in Dezember 2019 und im Januar 2020. Aus den Bereichen Gesundheits- und Krankenpflege sowie Altenpflege haben sich im gleichen Zeitraum 134 Beschäftigte gemeldet, 100 mehr als in denselben Monaten vor der Pandemie. Bei insgesamt rund 8000 Pflegekräften in der Region hält sich die Zahl zwar noch in Grenzen – aber der Anstieg ist dramatisch. Und er könnte erst der Anfang sein.
„Wir sind nicht
glücklich damit“
Somit sorgt die Impfpflicht bei Betreibern für lange Gesichter. „Wir sind nicht glücklich damit“, sagt beispielsweise Hennig Löffler, Leiter des Caritas-Altenheims in Rosenheim. „Noch hat bei uns deswegen noch niemand gekündigt, aber einige haben schon gesagt, dass sie es tun werden.“ Gespanntes Warten auch in den Krankenhäusern. Die Kündigungen bewegten sich im üblichen Rahmen, heißt es aus dem Romed-Verbund. „Noch keine Kündigung wegen der Impfpflicht“, sagt Heiko Leske, Sprecher des Verbunds Medical-Park. Allerdings: Laut den immer noch laufenden Abfragen liegt die Impfquote derzeit bei Romed und Medical Park jeweils um die 80 Prozent.
Jubel über die neuen Regeln hört man bei niemandem.
Ab 16. März müssen Pflegeheime, Kliniken und andere Einrichtungen des Gesundheitswesens melden, wer vom Personal nicht geimpft oder genesen ist oder belegen kann, dass medizinische Gründe gegen eine Impfung sprechen.
Alle Meldungen laufen beim Gesundheitsamt zusammen. Es soll jeden einzelnen Fall überprüfen und kann, muss aber nicht die Rote Karte zücken. „Wir stellen Mitarbeiter dementsprechend dann ohne Bezahlung frei“, sagt Heiko Leske, Sprecher des Klinikverbunds Medical-Park. Soweit die Theorie. In der Anwendung dürfte die Impfpflicht Probleme bereiten. Die Zusatzaufgabe trifft eine Behörde, die in jüngster Zeit bereits so überlastet ist, dass es in Schulen praktisch die Schulleiter sind, die infizierte Kinder nach Hause schicken. „Das Gesundheitsamt ist personell maximal mit der Pandemiebekämpfung ausgelastet“, wiederholt denn auch Amtschef Dr. Wolfgang Hierl. Die Gesetzesänderung werde die Behörde noch einmal „erheblich“ belasten, „bisher ist es unklar, ob es zusätzliches Personal hierfür geben wird“. Was jüngst an Verstärkung kam, werde zur Kontaktnachverfolgung eingesetzt, heißt es aus dem Landratsamt.
„Die Situation ist diffus“, sagt Elisabeth Kannengießer, Pflegedienstleiterin im Seniorenwohnheim Küpferling in Rosenheim. So vieles sei noch ungeklärt, etwa, ob der Immunstatus auch ohne Auffrischungsimpfung ausreicht. Mittlerweile seien die meisten Mitarbeiter in ihrer Einrichtung geimpft oder genesen. Personalknappheit verspüre sie noch keine. „Wenn irgendwann aber das Gesundheitsamt anfängt, mir in die Personalplanung dreinzureden, ist für mich die Planungssicherheit weg.“
Und wie ist es mit dem Handwerksbetrieb, der Wartungsarbeiten in einem Altenheim übernimmt, wie mit dem Friseur, der Patienten in einem Krankenhaus die Haare schneidet? Wer ist dafür verantwortlich, diese Leute zu überprüfen?
Schlechtes Signal
durch das Gesetz?
„Das zieht einen Rattenschwanz nach sich“, sagt Heiko Leske. Wie noch so einiges andere. „Wir wissen auch nicht, was wir tun sollen, wenn so viele Mitarbeiter gehen, dass wir den Betrieb nicht aufrechterhalten können“, sagt Hennig Löffler.
Experten sehen in dem Gesetz ein schlechtes Signal. In Gesundheitsberufen Beschäftigte könnten sich diskriminiert sehen. Romed-Geschäftsführer Dr. Jens Deerberg-Wittram hatte sich kürzlich gegenüber den OVB-Heimatzeitungen für eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen, nicht aber für die partielle Impfpflicht, die nur die Stigmatisierung sehr angespannter Mitarbeiter bringe. Die ohnehin überlasteten Pflegekräfte würden durch das Gesetz „nochmals eine Schlechterstellung erfahren“, heißt es auch in einem offenen Brief der AfD an Landrat Otto Lederer und Rosenheims Oberbürgermeister Andreas März, den unter anderem die Landtagsabgeordneten Andreas Winhart und Franz Bergmüller unterzeichnet haben.
„Es ist im Moment eh schon sehr schwierig“, sagt auch Hennig Löffler. „Das Energielevel unserer Mitarbeiter ist durch die Pandemie sehr strapaziert.“ Die partielle Impfpflicht: Sie könnte, so fürchtet Löffler, der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.