Rimsting –Johann Nussbaum, 82, aus Rimsting, ist einer der wenigen Menschen, die von sich behaupten können, die Familie des emeritierten Papstes Benedikt XVI. – Joseph Ratzinger – zu kennen, und den heute bald 95-jährigen Geistlichen mehrmals getroffen zu haben. Nussbaum ist außerdem Autor der beiden Ratzinger-Bücher „Poetisch und herzensgut“ und „Ich werde einmal Kardinal“, ein Ausspruch des einst dreijährigen Joseph Ratzinger. Ein drittes Buch hatte Nussbaum gerade geplant, als die schweren Vorwürfe gegen den ehemaligen Papst im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche laut wurden. „Jetzt warte ich damit erst einmal“, sagt der Rimstinger im Gespräch mit unserer Zeitung. Er möchte warten, bis mehr Licht in die Sache kommt, denn im Moment sieht er Ratzinger zu früh von der Öffentlichkeit verurteilt.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die aktuelle Berichterstattung über Joseph Ratzinger verfolgen?
Ich verfolge ganz intensiv, was derzeit passiert und was geschrieben wird. Ich kenne Joseph Ratzinger gut und habe ihn ein paar Mal getroffen. Im Oktober 2013 waren der damalige Rimstinger Bürgermeister Josef Mayer, meine Frau Ulrike und ich zu einer einstündigen Privataudienz bei Ratzinger eingeladen. Ich konnte mir einige persönliche Eindrücke von ihm machen. Der Mann wird heuer am 16. April 95 Jahre alt, und ich persönlich glaube nicht, dass er selbst etwas verdreht hat, sondern dass da andere dahinter stehen.
Was meinen Sie damit?
Ich habe den Verdacht, dass hinter dem über 80 Seiten starken Antwort-Bericht, den Joseph Ratzinger auf das Missbrauchsgutachten hin veröffentlichen ließ, nicht er selbst, sondern sein Privatsekretär, Erzbischof Georg Gänswein, steckt. Ich kann mir sogar vorstellen, dass Ratzinger Gänswein so sehr vertraut, dass er die Antworten selbst gar nicht mehr gegengelesen hat. Ich bin skeptisch, was davon noch auf die Kappe eines fast 95-Jährigen gehen kann. Ich kann mir sogar vorstellen, dass man Ratzinger gar nicht persönlich nach Antworten gefragt hat, sondern dass das alles über seinen Kopf hinweg geregelt wurde. Ich will ihn damit nicht in Schutz nehmen, aber man darf die Rolle von Beratern wie Gänswein nicht unterschätzen.
Welchen Eindruck hatten Sie denn von Joseph Ratzinger bei Ihren persönlichen Treffen?
Diese sind freilich schon ein paar Jahre her, da kann sich geistig einiges getan haben in dem Alter. Ich habe ihn 2006, 2011, 2013 und 2016 erlebt und erinnere mich an einen hochintelligenten, aufgeschlossenen, positiven Mann. Bei unserer Privataudienz hat er viele Fragen beantwortet, wir haben über Rimsting gesprochen, wo seine Mutter aufgewachsen ist. Wir haben uns blendend unterhalten. Er schien mir sehr aufgeweckt, damals geistig voll auf der Höhe. Aber auch da war sein Sekretär Gänswein präsent, er sagte nach einer Stunde sehr bestimmt „Jetzt ist Schluss“, daher kommt mein Eindruck, dass Ratzinger sich auf ihn verlässt.
Was halten Sie von den Forderungen, Büsten von Papst Benedikt XVI. entfernen zu lassen oder ihm Ehrenbürgerwürden zu entziehen?
Diese Reaktionen sind meines Erachtens vollkommen voreilig. Ich finde das nicht in Ordnung, ob es um Büsten oder Ehrenbürgerwürden geht. Erst einmal müsste seine Unschuld bewiesen werden, meine ich. Es ist klar, dass in der katholischen Kirche Schlimmes passiert ist, aber ich glaube, dass man ihm das nicht voll und ganz zur Last legen kann. Genauso verfrüht finde ich, ihn sofort von allen Vorwürfen zu entlasten, was ja versucht wurde. Zum Beispiel durch Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ohne dass er vorher das Gutachten gelesen hatte.
Können Sie nachvollziehen, dass dennoch Menschen wegen Joseph Ratzinger aus der katholischen Kirche austreten?
Ich persönlich mache einen Unterschied zwischen der Institution Kirche und dem, was in den Evangelien steht. Ich glaube, dass viele, die schon länger vorhatten, auszutreten, jetzt dafür einen letzten Anstoß bekommen.
Was soll mit den Spuren geschehen, die Ratzinger in Rimsting hinterlassen hat?
Es gibt die Gedenktafel anlässlich der Nachprimiz der Ratzinger-Brüder an der Kirche und eine gepflanzte Eiche in Greimharting, das alles soll meiner Ansicht nach vorerst so bleiben.
Wie sind Sie selbst eigentlich zum Ratzinger-Autor geworden?
Das war ein Zufall. Nach meiner beruflichen Zeit in Bonn sind wir nach Rimsting gezogen und haben uns mit dem Ort und seiner Geschichte befasst. In einer Ortschronik bin ich auf ein paar wenige Zeilen über Ratzingers Mutter gestoßen. Ich habe den damaligen Bürgermeister Florian Hofmann gefragt, ob man darüber nicht mehr veröffentlichen sollte. So kam es zu den Büchern. In diesem Zuge habe ich die Familie Ratzinger kennengelernt.
Wenn Sie Ratzinger sprechen könnten, was würden Sie ihm jetzt sagen?
Dass er erst mal Ruhe bewahren soll. Die Missbrauchsvorfälle sind natürlich zu verurteilen. Die Verantwortlichen müssen dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Aber im Moment wird so vieles geschrieben, wer weiß, ob das alles überhaupt zu Joseph Ratzinger vordringt.Interview: Elisabeth Sennhenn