Ab 32 Grad Körpertemperatur wird‘s kritisch

von Redaktion

Interview Experte aus Bad Aibling spricht über die Gefahren der Kälte und gibt Notfall-Tipps

Bad Aibling – Beim Skifahren denken wohl die Wenigsten an die Gefahren der Kälte. Doch immer wieder werden die niedrigen Temperaturen unterschätzt. Neben Lawinenopfern kommt es in den Wintermonaten immer wieder – gerade unter Obdachlosen – zu Todesfällen durch Erfrieren. Doch was ist eigentlich zu tun, wenn man plötzlich starker Kälte ausgesetzt ist, etwa wenn man in eiskaltes Wasser fällt? Der Mediziner Professor Dr. Nikolaus Netzer (60) vom Hermann Buhl Institut für Hypoxie- und Schlafmedizinforschung aus Bad Aibling ist auf Erfrierungen und Lawinenopfer spezialisiert. Im Interview erklärt er, was der Unterschied zwischen Unterkühlung und Erfrierung ist, ab welchen Temperaturen es gefährlich wird und was man in Notfällen tun sollte.

Herr Dr. Netzer, kommt es in unserer Gesellschaft eigentlich häufig vor, dass Menschen erfrieren?

Im Prinzip gibt es drei Personengruppen, die in unserer Gesellschaft der Gefahr des Erfrierens besonders ausgesetzt sind. Das sind Bergsteiger, Obdachlose, die auch im Winter viel im Freien sind, und Menschen, die unfreiwillig in kaltes Wasser fallen, etwa wenn sie auf Eis einbrechen. Todesfälle durch Erfrierung gab es im privaten häuslichen Bereich früher sicher häufiger als heute, beispielsweise weil das Brennholz ausgegangen ist und die Menschen im Schlaf erfroren sind. Auf der anderen Seite hat der Alpintourismus in den letzten Jahren zugenommen. Außerdem bestand für Obdachlose in den vergangenen zwei Wintern eine höhere Gefährdungslage, da coronabedingt weniger Menschen in beheizte Unterkünfte gelassen wurden.

Ab welchen Temperaturen wird es gefährlich für den menschlichen Körper?

Ab einer Körpertemperatur von 32 Grad hört der Mensch auf zu zittern. Das ist insofern problematisch, da beim Zittern die Muskulatur durch Bewegung Wärme erzeugt. Ein Wärmeausgleich des menschlichen Körpers fällt dann also weg. Bei Körpertemperaturen von 28 Grad oder niedriger verlieren wir das Bewusstsein. Unter 13 Grad Körperkerntemperatur tritt definitiv der Tod ein. Bei Temperaturen zwischen 13 und 28 Grad können Menschen theoretisch wieder zum Leben erweckt werden. Es gab schon Extremfälle, bei denen durch die starke Unterkühlung keine Organe beschädigt wurden. Natürlich ist eine mögliche Wiederbelebung auch immer abhängig vom Faktor Zeit, also wie schnell professionelle ärztliche Hilfe eintrifft.

Ist es für den Menschen gefährlicher, langsam abzukühlen oder ganz schnell, etwa wenn man in eiskaltes Wasser fällt?

Eine langfristige Unterkühlung ist grundsätzlich gefährlicher. Das kommt beispielsweise bei Obdachlosen häufiger vor, da sie über einen längeren Zeitraum der Kälte ausgesetzt sind. Eine größere Überlebenschance gibt es meist, wenn die Unterkühlung rasch eintritt, zum Beispiel durch eine Lawine. Dabei sind die Organe unter Umständen noch nicht so beschädigt, wie bei einer langfristigen Unterkühlung.

Was sollte man tun, wenn man einen unterkühlten Menschen antrifft?

Zunächst mal sollte man den Notarzt rufen. Dann ist es wichtig, dass man den Menschen in warme Decken wickelt und ihm langsam lauwarme Flüssigkeit zuführt. Aber nicht zu viel und nicht zu warm, sonst sind die Organe zu stark belastet.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Unterkühlung und Erfrierung?

Von Unterkühlung sprechen wir, wenn der ganze Körper eine zu niedrige Körpertemperatur aufweist. Erfrierungen treffen dagegen die Haut und Gliedmaßen. Also etwa Finger, Füße oder Zehen, alles was mehr oder weniger aus dem Körper herausragt.

Was muss man bei Erfrierungen tun?

Hier verhält man sich anders als bei der Unterkühlung. Das Ziel ist es, das betroffene Körperteil so schnell wie möglich wieder aufzuwärmen. Dabei am besten, beispielsweise die Finger, für eine halbe Stunde in ein 35 bis 38 Grad warmes Wasser halten, damit diese wieder auftauen. Dabei sollte man ein Schmerzmittel verabreichen, am besten Aspirin, auch Ibuprofen ist möglich. Ärztliche Ersthelfer oder Rettungssanitäter können auch noch auf stärkere Schmerzmittel zurückgreifen. Denn schmerzhaft ist für den Menschen nicht die Erfrierung selbst, sondern das Aufwärmen. Eine Ausnahme ist eine Erfrierung an den Füßen auf dem Berg. Sollte dort keine ärztliche Versorgung mit einem Transport im Helikopter oder Akia (Rettungsschlitten) möglich sein, empfiehlt man kein schnelles Aufwärmen, da die Schmerzen sonst unerträglich wären und man den Weg nach unten dann zu Fuß nicht mehr schaffen würde.

Was passiert im Körper eigentlich bei einer Erfrierung?

Das Erfrieren ist letztendlich ein Durchblutungsproblem. Dabei friert zuerst die extrazellulare Flüssigkeit, das Wasser in der Haut. Dies wirkt sich dann wiederum auf die kleinen Blutgefäße aus. Die Blutkörperchen pappen aneinander und die Durchblutung verlangsamt sich. Somit wird die Sauerstoffzufuhr verringert und die Zellen werden beschädigt und sterben dann ab. Das führt dann etwa zu den berühmten schwarzen Fingern.

Welche Risikofaktoren gibt es generell?

Obdachlose sind häufig besonders von Unterkühlungen bedroht. Sie haben meist bereits körperliche Vorschädigungen, genießen keine gute medizinische Versorgung. Der Organismus funktioniert oftmals ohnehin nicht mehr so gut, es gibt Probleme mit der Leber und der Niere. Das führt dazu, dass auch Kälte schneller zu Organschäden führen kann. Ein junger, gesunder Mensch würde wahrscheinlich länger mit einer Unterkühlung überleben.

Interview: Nicolas Bettinger

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„Alkoholkonsum und Kälte ist in etwa so,

als würde ich mir bei kalten Temperaturen

den Anorak ausziehen und

nur noch im T-Shirt dastehen.“

Dr. Nikolaus Netzer

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