Rosenheim – Seit November vergangenen Jahres ist Angelika Elsner Leiterin des Rosenheimer Schulamts. Zur Vergabe der Zwischenzeugnisse am heutigen Freitag sprach Elsner mit den OVB-Heimatzeitungen über den Unterricht in den Zeiten der Corona-Pandemie und über den Zauber, der dem Packen eines Rucksacks innewohnt.
Die ersten Monate haben Sie hinter sich. Wie war der Einstand?
Als Stellvertreterin kannte ich die Strukturen, in viele Dinge bin ich seit Jahren eingebunden, etliche Geschäftsbereiche habe ich auch selbstständig bearbeitet. Insofern ist das Amt für mich sicher vertrauter als für jemanden, der von draußen kommt.
Wir befinden uns mitten in der fünften Welle der Corona-Pandemie. Wie ist die Lage an den Schulen – sind viele Lehrer betroffen?
Wir erheben keine kompletten Zahlen. Etliche Lehrer sind in Quarantäne, aber es ist insgesamt noch recht überschaubar. Wir hoffen und beten, dass das so bleibt.
Die Zahlen steigen und steigen…
Ich kann nicht sagen, dass da Freude aufkommt. Egal, in welcher Funktion ich spreche, ob als Privatmensch oder Schulamtsdirektorin – wir alle machen uns Sorgen und hoffen auf den Lichtblick, dass die Infektionszahlen zurückgehen.
Fürchten Sie um den
Präsenzunterricht?
Ich habe keine Kristallkugel. Letztlich gibt es genügend Fachleute, ob am Gesundheitsministerium, beim Robert-Koch-Institut oder bei der Staatsregierung. Für unsere Schülerinnen und Schüler wünsche ich mir, dass sie im Präsenzunterricht verbleiben können, genau wie die Lehrkräfte. Die Schutzkonzepte mit den flächendeckenden Tests sind umfassend, wir tun alles, um ein größeres Ausbruchsgeschehen zu verhindern.
Wo sind Defizite nach zwei Jahren Corona?
Natürlich sind Lernrückstände entstanden. Durch das Programm „Gemeinsam Brücken bauen“ haben alle Schulen externes Personal anstellen können, um hier gezielt fördern zu können. Wie ich schon des Öfteren betont habe, können die Kinder zu Hause auch digitale Möglichkeiten nutzen. In vielen Haushalten ist es mittlerweile selbstverständlich, online zu sein. Gerade am Anfang waren jedoch auch Leihgeräte nicht vorhanden, die digitalen Möglichkeiten der Wissensvermittlung waren nicht da – das hat die Beschulung schwieriger gemacht als bei den darauffolgenden Wellen. Wir haben die digitalen Möglichkeiten ebenso wie die Fähigkeiten der Lehrkräfte weiterentwickelt. Aber: Kinder brauchen soziale Kontakte, deswegen legen wir Wert auf Präsenzunterricht, das gibt ihnen Halt und Struktur. Und sie brauchen auch ihre Lehrkräfte.
Von vielen Eltern kam Kritik, der Freistaat habe zu wenig für die Schulen getan.
Im schulischen Bereich wurden viele Förderprogramme aufgelegt. Da wurde viel Geld in die Hand genommen. Etwa für den Bereich WLAN. So war der Breitbandausbau möglich. Durch die Fördergelder konnten Dienstgeräte für Lehrer und I-Pads für Schüler angeschafft werden. Was sich im Schuljahr 2021 sehr stark weiterentwickelt hat, waren Tools für Videokonferenzen. Die hatten 2020 noch wenig zur Verfügung gestanden.
Hört sich an, als habe
jeder alle Hausaufgaben gemacht.
Man hat die digitalen Strukturen gepflegt, hat Tools auch zur Kommunikation mit Eltern genutzt. Aber natürlich besteht immer Handlungsbedarf. Die Schulen mussten sich digitale Entwicklungsziele vorgeben. Wie setzen sie um, dass digitale Medien auch im Präsenzunterricht verwendet werden, wie installieren wir Portale, über die man Eltern schnell mit Infos versorgen kann. Bei all diesen Dingen haben wir einen großen Fortschritt erzielt.
Ein großes Problem Ihres Vorgängers war der
Lehrermangel. Wie stark spüren Sie diesen Mangel?
Lehrer sind sehr gesucht, da laufen verschiedene Maßnahmen. Etwa die Zweitqualifizierung für Lehrkräfte von Gymnasien und Realschulen, um die Befähigung für Grund- oder Mittelschulen zu erhalten. Wir sind froh, wenn wir Nachrücker für die mobile Reserve gewinnen. Zu schaffen macht uns, dass wir nicht wissen, wie die Situation sich entwickelt. Auch Lehrer können von Erkrankungen betroffen werden. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir die Versorgung gut stemmen, aber das ist eine Momentaufnahme.
Haben Sie Kenntnis von Kindern, die in Zusammenhang mit „Lerngruppen“ wie in Schechen von ihren Eltern vom Besuch der regulären Schule abgehalten werden?
Schulleitungen beobachten derlei sehr genau und gehen dem nach. Von daher: Wenn Schüler krank gemeldet werden, dann sind sie in der Regel auch wirklich krank. Einen konkreten Fall kann ich nicht nennen.
Wirklich, es gibt keinen Fall von Schulschwänzen?
Nicht in diesem Zusammenhang. Damals, im Herbst, galt es noch nicht als Schulpflichtsverletzung, Eltern konnten ihre Kinder noch freistellen lassen. Durch die Regelungen seit dem späten Herbst können Schüler nur noch zu Hause bleiben, wenn sie durch ärztliches Attest belegen können, dass Vorerkrankungen sie am Schulbesuch hindern. Alle anderen müssen ihre Schulpflicht in Präsenz erfüllen.
Das Klima ist gereizt. Gibt es verstärkt Streitigkeiten mit Eltern?
Es gibt natürlich Eltern, die mit den Testungen nicht einverstanden sind und deren Kinder den Unterricht nicht besuchen. Aber das wird durchs Ordnungsamt auch geahndet.
Sie erleben keine verstärkte Tendenz zu Auseinandersetzungen?
Ich denke, dass die meisten Eltern gut kooperieren und Vertrauen haben. Aber natürlich ist in einzelnen Fällen durchaus aggressiveres Verhalten festzustellen.
Lehrer sind oft Sündenböcke, der Job ist kompliziert geworden. Wie würden Sie ihn Interessenten schmackhaft machen?
Der Beruf des Lehrers ist sicherlich ein ganz wunderbarer Beruf, weil man mit Kindern und Jugendlichen arbeiten kann. Man ist jemand, der den Rucksack des Lebens mitpackt. Lehrer unterrichten nicht nur, sie begleiten die jungen Menschen und erziehen sie mit. Das ist einfach wunderschön, wenn ich an meine Zeit zurückdenke, was man Kindern im Lauf der Jahre mitgegeben hat. In der ersten und zweiten Jahrgangsstufe zum Beispiel ist es immer toll, wenn man mitbekommt, wie die Kinder anfangen, gut zu lesen und zu rechnen. Es ist deswegen weiter ein Wunschberuf, weil man viel bewegen kann. Das ist einfach erfüllend.
Was sehen Sie als größte Herausforderungen?
Jede Schule ist letztlich ein Spiegel der Gesellschaft. Themen wie Betreuung und – zumindest für die Grundschüler – der gesetzliche Anspruch auf Betreuung und Ganztagsbetreuung ab 2026 sind für uns zu stemmen. Da müssen Strukturen geschaffen werden. Weiterhin ist die inklusive Schulentwicklung eine Herausforderung, weil natürlich die Schülerschaft auch immer heterogener wird. Da jedem Kind gerecht zu werden, ist nicht einfach, ebenso wie die digitale Weiterentwicklung der Schulen. Natürlich muss ein Fokus darauf liegen, dass die Kinder in ihrer Sozialkompetenz gestärkt und überdies aufs digitale Leben vorbereitet werden. Ebenso wichtig ist Medienkompetenz. Der Anfang ist überall gemacht. Nicht alle Schulen sind auf demselben Stand. Das ist ein Prozess, der andauert, den man mit immer neuen Impulsen weiterbringen muss.
Angenommen, Sie hätten einen Wunsch frei…
Das wäre einfach der Wunsch, dass alle Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Schulleitungen, alle Eltern soweit einigermaßen gut durch diese Zeit kommen und alle, die im Bereich Schule beteiligt sind, an einem Strang ziehen. Damit wir das, was wir momentan haben, erhalten können. Wechsel- oder Distanzunterricht will wirklich niemand.
Interview: Michael Weiser