Am Gipfel der fünften Welle

von Redaktion

Corona-Lage Licht am Ende des Tunnels, aber Kliniken weiter unter Druck

Rosenheim – „Ein Trugschluss“: So bezeichnet Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim, die Annahme, die Corona-Pandemie sei bereits überwunden. Spätestens im Herbst werde die Fallzahl wieder ansteigen, mit welcher Variante dann, sei noch völlig ungewiss. Die Frage sei, wie sich Übertragbarkeit und Pathogenität der nächsten Variante sowie die Fähigkeit zur Immunflucht veränderten?

Allerdings sieht auch Hierl die fünfte Welle der Pandemie gebrochen. Gleichwohl meldet das Gesundheitsamt weiterhin hohe Zahlen. Acht Menschen sind demnach seit vergangenem Freitag an oder mit Corona gestorben. Die vierte Woche hintereinander liegen die dem Gesundheitsamt Tag für Tag neu gemeldeten Fallzahlen bei Ständen um die 1000. Der Höchstwert der Pandemie lag am 9. Februar bei 1608 Neumeldungen. Insgesamt verzeichnete das Amt seit vergangenem Freitag 6910 Meldungen. In der Vorwoche waren es noch 7754 gewesen.

„Es scheint ein Peak
erreicht zu sein“

Die Sieben-Tage-Inzidenz beträgt in Stadt und Landkreis Rosenheim weiterhin konstant über 2000 und überschreitet den Höchstwert der vierten Welle so ausdauernd wie deutlich. Allerdings, so stellt Hierl fest, sei das exponentielle Wachstum der vergangenen Wochen gebremst. „Es scheint ein Peak erreicht zu sein.“ Am Freitag lag die Stadt Rosenheim bei 2251,89 (in der Woche davor: 2446,89), der Landkreis bei 2093,07 (2368,17).

Die leichte Entspannung kommt längst noch nicht in den Krankenhäusern an. Die Verläufe mögen mild, die Lage auf den Normal- und Intensivstationen einigermaßen stabil sein. Doch machen den Kliniken Ausfälle auch von symptomfreien Mitarbeitern aufgrund von Quarantäne- und Isolationsbestimmungen zu schaffen. Nach Auskunft des Ärztlichen Leiters Krankenhauskoordinierung, Dr. Michael Städtler, sind zunehmend Patienten mit der Nebendiagnose Corona zu versorgen. Sie erfordern besonderen organisatorischen Aufwand. Unterschiedlich wirkt sich das Infektionsgeschehen in den verschiedenen Altersklassen aus. Nach Angaben des Gesundheitsamts liegen konstant sechs von zehn positiv Getesteten im Altersbereich zwischen 18 und 59 Jahren. Über ein Viertel bei Kindern und Jugendlichen. Deren abenteuerlich hohe Sieben-Tage-Inzidenzen von manchmal über 5000 ist sicherlich auch auf die hohe Testdichte zurückzuführen: Zweimal in der Woche werden Grundschüler, dreimal gar die Schüler ab der fünften Klasse getestet – und nochmals dazwischen, wenn Mitschüler in der Klasse positiv getestet wurden.

Hierl verzeichnet außerdem Ausbrüche in Pflege- und Behindertenheimen sowie in Kliniken. Auch dort steckten sich zahlreich vollständig Geimpfte und sogar Geboosterte an – aber, so sagt es Hierl, „die Verlaufsformen sind in der Regel milde, und es besteht eine nur sehr geringe Rate an Hospitalisierungen“.

Im Impfen sieht er weiterhin eine wirksame Waffe gegen eine Rückkehr des Virus im Herbst. Eine große Chance sieht er wie berichtet in dem neuen Impfstoff der Firma Novavax, einem proteinbasierten Vakzin, das für Impfzauderer, die zum Beispiel Impfstoffen mit Messenger-RNA kritisch gegenüberstehen, eine „echte Alternative“ darstellen könne. Was ihn auf die Palme bringt, ist die nach wie vor hohe Quote an ungeimpften Mitarbeitern im Gesundheitsbereich. Über ein Viertel der betroffenen Mitarbeiter war ungeimpft, „das ist für die Tätigkeit in diesem Risikobereich nicht akzeptabel“.

Belegung
leicht ansteigend

Bisher sind insgesamt 76472 Fälle von Corona in Stadt und Landkreis Rosenheim aufgetreten (Landkreis: 61034, Stadt: 15438). Die Auswertung der Fälle für Februar ergibt, dass etwa zehn Prozent in der Altersklasse über 60 Jahre auftauchten, also bei Menschen mit erhöhtem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf. Zehn Prozent der Fälle traten bei Kindern zwischen zwölf und 17 Jahren auf. Für diese Altersgruppe hat die Stiko eine Impfempfehlung erteilt. 14 Prozent der Fälle traten bei Kindern und Jugendlichen von fünf bis unter zwölf Jahren auf und drei Prozent bei Kindern unter fünf Jahren. Auch für Fünf- bis Zwölfjährige gibt es eine Empfehlung der Kommission, und zwar für Kinder mit Vorerkrankungen.

Mittlerweile wurde bei mindestens 44560 Personen eine Genesung dokumentiert – was nicht Freiheit von Post- oder Long Covid bedeutet. 785 Menschen sind an oder mit Corona gestorben. (Landkreis: 674, Stadt: 111). 184 (zuletzt 172) Covid-Patienten werden in Stadt und Landkreis Rosenheim stationär behandelt, davon 16 Patienten (zuletzt sieben) auf einer Intensivstation. Die Zahlen steigen also, sind aber noch immer nicht bedrohlich – schwerer wiegen eben die Ausfälle im Personal aufgrund positiver Testungen.

„Extrem hohe Fallzahlen“

Noch immer kann das Rosenheimer Gesundheitsamt positiv Getesteten und ihren Kontaktpersonen nicht hinterhertelefonieren, „aufgrund der extrem hohen Fallzahlen“, wie Amtsleiter Dr. Wolfgang Hierl sagt. Das Gesundheitsamt setzt daher auf seine neue Software: Die Details zu den Infektionen müssen nicht mehr wie bisher von Mitarbeitern des Amtes telefonisch abgefragt werden. Stattdessen können Bürger nach Aufforderung durch das Gesundheitsamt per SMS oder E-Mail ihre Daten digital mittels Onlineformular an die Behörde übermitteln. „Wenn Sie also zukünftig eine E-Mail oder SMS des Gesundheitsamtes erhalten, in der Sie um Angaben zu Ihrer Infektion gebeten werden, machen Sie bitte mit“, appelliert Dr. Hierl an die Bevölkerung.

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