„Der Handel füllt sich die Taschen“

von Redaktion

Was bei Landwirten in der Region von den Ladenpreisen ankommt

Rosenheim – Verbraucher müssen es mittlerweile bemerkt haben: Beim Einkauf geben sie mehr Geld für Lebensmittel aus als noch vor ein paar Monaten. Die Preise von Fleisch, Milch und Co. ziehen derzeit massiv an. Doch die Erzeuger, die Landwirte, bekommen deshalb nicht unbedingt mehr Geld.

Josef Bodmaier, Rosenheimer Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, ist nicht glücklich mit der aktuellen Situation. „Wir liefern zwar die Lebensmittel, erhalten aber nur einen Bruchteil des Ladenpreises“, sagt er. „Die großen Gewinne landen in den Taschen der Handelskonzerne.“

ifo-Institut gibt
Prognose für 2022

Der Bayerische Bauernverband hat berechnet, dass ein Landwirt für eine Kartoffel im Schnitt 0,01 Euro erhält. Der Anteil bei einem Viertelliter Milch liegt bei 0,09 Euro, bei einer Halben Bier 0,04 Euro und bei einem Kilogramm Mischbrot bei 0,26 Euro. Bei einem 200 Gramm schweren Kotelett kommen ebenfalls 26 Cent beim Bauern an. Im Juli 2020 waren es laut Bauernverband noch 34 Cent.

Der Anteil vom Ladenpreis, der an Landwirte weitergegeben wird, bleibt demnach laut Bodmaier relativ niedrig. Die Erzeuger merken von den erhöhten Preisen nicht viel. Anders als die Verbraucher. Und Lebensmittel könnten künftig noch teurer werden. Das hat der Konjunkturchef des Münchener ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Timo Wollmershäuser, der „Welt am Sonntag“ gesagt. „Nach unseren Umfragen planen in den kommenden Monaten mehr als zwei Drittel der Nahrungsmittelhersteller weitere Preisanhebungen“, berichtete er. Das sind nach seinen Angaben so viele wie noch nie in Deutschland nach der Wiedervereinigung.

Kreisobmann Bodmaier vermutet, dass die Lebensmittelkonzerne durch die teureren Lebensmittel ihre eigenen erhöhten Produktionskosten an die Verbraucher weitergeben. Die Produktion sei vor allem durch die explodierenden Energiepreise bei Gas, Öl und Strom teurer. „Der Lebensmitteleinzelhandel hat in Deutschland eine große Marktmacht“, sagt Bodmaier. Einige wenige Konzerne bestimmten den Markt.

Während der Anteil der Bauern an den Ladenpreisen niedrig bleibt, steigen auf vielen Höfen die Betriebskosten. Die Preise für Dünger, Futter, Diesel und Energie erreichen aktuell historische Rekordniveaus, heißt es vom Bayerischen Bauernverband. Eine Tonne Mineraldünger kostete zuletzt 632 Euro. Das sind 87 Prozent mehr als im Vorjahr. Mineraldünger kommt zum Beispiel beim Maisanbau zum Einsatz. „Den benötigt man, damit was wächst“, sagt Bodmaier.

In den vergangenen fünf Jahren sind laut dem Bauernverband auch die Energiekosten um rund 28 Prozent gestiegen. Auch Tierfutter ist teurer geworden. Besonders Schweinehalter können laut Bodmaier diese Preissteigerungen aktuell kaum abfangen. Denn: „Der Markt liegt am Boden“, sagt er. Die Preise seien niedrig, die Nachfrage gering. Unter anderem wegen der Schweinepest würde der chinesische Absatzmarkt schwächeln. Und gleichzeitig erstarke die internationale Konkurrenz, beispielsweise in Spanien. Dort seien Produktionsauflagen oft niedriger und Arbeitskräfte billiger als hierzulande, erklärt Bodmaier. Im Landkreis Rosenheim gebe es rund ein Dutzend Schweinehalter. „Die Situation ist ruinös. Wenn das noch ein Jahr so weitergeht, dann sind die Betriebe weg.“

Handelskonzerne
sollen einlenken

Bodmaier fordert, dass der Handel einlenkt und die „Preiserhöhungen eins zu eins an die Landwirte“ weitergibt. „Der Handel darf sich nicht mehr selbst die Taschen füllen.“ Auch beim Thema Tierwohl sieht er Unterstützungsbedarf. Einen Tierwohl-Stall zu bauen, kostet viel Geld. „Mit den Minimal-Margen, die der Lebensmitteleinzelhandel weiterreicht, geht das nicht.“

Und auch die Politik nimmt er in die Pflicht. Regionale Produkte in Kantinen sollten mehr gefördert werden, schlägt er beispielsweise vor. Auch Steuererleichterungen für Landwirte hat er im Blick. Damit bei weniger Einnahmen die Ausgaben nicht noch mehr würden.

Auswirkungen der Ukraine-Krise auf die heimische Landwirtschaft

Der Krieg in der Ukraine und die Krise mit Russland werden den Handel mit heimischen Rindern wohl nicht stark beeinträchtigen. Das sagt der Geschäftsführer des Zuchtverbandes Miesbach, Christian Presslaber. „Der Kälbermarkt ist nicht direkt betroffen“, berichtet er. Für Fleckvieh gebe es in Deutschland ein Programm mit dem Namen „Geboren, gemästet, geschlachtet“. 98 Prozent des Fleckviehs vom Zuchtverband Miesbach bleibe daher in Deutschland. Die restlichen zwei Prozent, die exportiert werden, hätten schlechte Mastvoraussetzungen.

Kalbinnen und Jungrinder würden nicht in die Ukraine exportiert, sondern nur auf dem Weg nach Usbekistan und Kasachstan durch das Land transportiert. Aber auch hier sieht Presslaber keine Probleme. Aktuell würden keine Tiere exportiert, da das Finanzierungsprogramm dafür ausgelaufen sei. Durch den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland kann er sich aber vorstellen, dass Futtermittel- und Düngemittelpreise für die heimischen Bauern steigen.

Ähnliches sagt Josef Steingraber, Geschäftsführer der Rosenheimer Geschäftsstelle des Bayerischen Bauernverbandes. Seiner Meinung nach könnten Getreide und damit auch Futtermittel knapp und teuer werden, da Russland hier großer Produzent und Exporteur sei. „Die Auswirkungen sind aber schwer abzuschätzen. Aktuell spüren wir noch nichts.“ Er erinnert sich an die Krim-Krise 2014, als Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektierte und die EU deswegen Sanktionen gegen Russland verhängte. Damals hätten einige deutsche Traktorhersteller Probleme bekommen, da sie viel nach Russland exportierten. Jetzt macht sich Steingraber Sorgen um die „Ernährungssouveränität“ Deutschlands – weil die EU erneut ein umfangreiches Maßnahmepaket gegen Russland in den Bereichen Energie, Finanzen, Transport und Exportkontrollen beschlossen hat.

Die Getreideversorgung in der EU sei durch eine hohe Eigenversorgung gesichert, sagt Markus Drexler, Sprecher des Bayerischen Bauernverbands. Dies jedoch unter der Voraussetzung, dass im Frühjahr genügend Dünger zur Verfügung stehe. „Für die Landwirte in Deutschland ist die Versorgung mit Erdgas wichtig, weil daraus Stickstoffdünger hergestellt wird“, erklärt Drexler. Der Preis für Erdgas sei jedoch schon vor der Eskalation sehr hoch gewesen.

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