Rosenheim/Ebersberg – Im Raum steht der Vorwurf der sexuellen Belästigung. Aber auch Verfahren vor dem Arbeitsgericht spielen eine Rolle. Angeklagt ist vor dem Ebersberger Amtsgericht der Inhaber eines Unternehmens aus dem Landkreis Rosenheim mit mehreren Standorten – unter anderem im Landkreis Rosenheim, wo sich die Vergehen zugetragen haben sollen. Der 65-Jährige sagte im Prozess bisher nichts. Umso intensiver befragten seine drei Anwältinnen die Zeuginnen und gerieten auch mit dem Staatsanwalt aneinander.
Zwei Frauen hatten den Mann angezeigt. Eine Mitarbeiterin (49) erklärte, der Chef habe stets Witze gemacht, auch „derbe Sachen“. Das habe sich gesteigert. „Ich hätte nie gedacht, dass er sich an mir vergreift.“
Die Frau berichtete von einem Tag im März 2020. Da sei sie in der Küche des Betriebs gewesen. Der Inhaber sei hereingekommen und habe die Türe zugemacht. Dann sei er plötzlich hinter ihr gestanden, habe sie bedrängt. „Ich war in Schockstarre.“ Das war gegen Mittag. Dann sei sie rausgelaufen. Anschließend habe sie weitergearbeitet. „Ich habe funktioniert.“ Sie habe zu sich selbst gesagt: „Ich kann das nicht mehr.“
Vom Arzt
krankgeschrieben
Sie ging zum Arzt, wurde krankgeschrieben. „Ich bin noch nicht arbeitsfähig.“ Später holte sie sich bei einem Psychiater Hilfe, nimmt nach eigenen Angaben Antidepressiva. Fast alle Kolleginnen hätten sich von ihr zurückgezogen. Dann sei ihr mit Kündigung gedroht worden, so der Vorwurf. Die Vorfälle hätten ihr „Leben zerstört“, sagt die Frau im Zeugenstand.
Der Chef habe immer gegrapscht, an Taille, Hüfte gegriffen, Klapse auf den Hintern verteilt. Er sei bestimmend, cholerisch und grob gewesen. Er habe auch oft seine Hose offen gehabt. Ganz schlimm seien die Weihnachtsfeiern gewesen. „Da bin ich nicht mehr hingegangen.“ Schließlich zeigte die Frau ihren Chef an. Vor dem Arbeitsgericht ging es zunächst um Urlaubstage und Kurzarbeit. Jetzt steht Schmerzensgeld im Raum.
Die Verteidigerinnen des 65-Jährigen gingen sehr ins Detail, wollten vor allem wissen, wer wann mit wem gesprochen habe. Sie nahmen die Aussagen der Zeugin auseinander. Und es ging um den Arbeitsgerichtsprozess. „Ich versteh nicht, was sie wollen“, so die Zeugin.
Jeder habe die
Übergriffe gesehen
Drastischer wurde eine ehemalige Angestellte. Sie hatte nach einem Streit mit dem Inhaber das Geschäft verlassen. Daraufhin wurde ihr gekündigt. Vor dem Arbeitsgericht erhielt sie eine Abfindung. Die Frau ist inzwischen Rentnerin. Wenn der Chef im Laden gewesen sei, „ist immer etwas vorgefallen“, berichtet sie vor Gericht. Er habe immer rumgeschrien. Jeder habe gesehen, dass es Übergriffe gab.
Wegen der Anzeige der jüngeren Kollegin wurde sie von der Polizei vernommen. Zu diesem Zeitpunkt war sie aber nicht mehr im Betrieb. Ursprünglich habe sie selbst keine Anzeige erstattet. Sie wollte mit der Firma nichts mehr zu tun haben. Der Polizist habe sie jedoch überzeugt und deshalb habe sie ihre Meinung geändert und ebenfalls Anzeige erstattet. Vor Gericht wollte sie jedoch nur wenige Namen von Personen nennen, die ebenfalls etwas zu diesem Fall sagen könnten. „Ich will da niemanden reinziehen. Die Leute haben alle Angst.“
Sie selbst habe sich wehren können. Sie habe zu ihrem Chef gesagt: „Hör auf mit dem Blödsinn.“ Dann habe er jedoch gelacht und gesagt: „Stell dich nicht so an.“ Sexistisch sei es immer zugegangen. Wenn sie etwas mitbekommen habe, „habe ich auch etwas gesagt“.
Der Prozess wird fortgesetzt. Robert Langer