Verkehrsminister schließt Bahn-Tunnel im Wildbarren aus

von Redaktion

Brenner-Nordzulauf Unterirdische Verknüpfungsstelle „nicht wirtschaftlich“ und „nicht zielführend“

Rosenheim – Stefan Lederwascher kann sich für Technik begeistern. Öfter schon besuchte der Bürgermeister von Flintsbach die Baustelle des Brennerbasistunnels und ließ sich beeindrucken von der Höhlenfahrt bei Franzensfeste. „Da wirst du demütig“, sagt Lederwascher, „diese Riesenkavernen – wir sind da mit dem Reisebus reingefahren und haben drinnen sogar gewendet.“

Die Ausflüge haben neben Demut noch eine andere Eigenschaft in Stefan Lederwascher geweckt: Neugier. Lederwascher würde zu gerne wissen, was die Ingenieure bei diesem Jahrhundertprojekt Brennerbasistunnel noch alles zuwege bringen. Zum Beispiel auch eine unterirdische Verknüpfung im Wildbarren für den Nordzulauf der Schienenstrecke? Obwohl die Bahn lediglich eine oberirdische Trasse prüfen will? So wie auch das Bundesverkehrsministerium?

„Die Bahn wollte ja auch nicht den Inn unterqueren“, sagt Lederwascher. „Und jetzt macht sie‘s. So werden wir uns also nicht abspeisen lassen.“ Warum gerade an der engsten Stelle des Inntals noch einen Verkehrsstrang durch die Landschaft pflügen?

Vor gut einer Woche war die Studie des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung (DZFS) zur unterirdischen Verknüpfung im Wildbarren bekannt geworden. Fazit: schwierig, aber nicht unmöglich.

Reaktion der
Deutschen Bahn

Die Bahn reagierte kategorisch. Zu viel Aufwand an Zeit und Geld für ein viel zu unsicheres Projekt: So blickt sie auf das Projekt einer unterirdischen Verknüpfungsstelle im Inntal. Schon lange zuvor hatten die Planer des Konzerns vor allem ein juristisches Hindernis angeführt: Das „Begegnungsverbot“, also die Regelung, dass keine zwei Gleise in einem Tunnel verlaufen dürfen, mache eine Zusammenführung im Berg unmöglich.

Fast wortgleich schließt sich nun das Bundesverkehrsministerium dieser Sicht an: Sehr großer Aufwand, „komplexe tunnelspezifische Fragestellungen“, keine Garantie für einen erfolgreichen Abschluss, so lauten die Argumente nach einer Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Eine Sprecherin antwortet für Verkehrsminister Wissing:  „Eine vertiefte Planung unterirdischer Verknüpfungsstellen wäre nicht wirtschaftlich und insbesondere in Anbetracht des Risikos der Genehmigungsfähigkeit nicht zielführend.“

Daraus folgt die Konzentration auf die Planung über Tage. Die „Vorhabenträgerin“, die Bahn also, werde nun „Möglichkeiten einer Optimierung der Lage der oberirdischen Verknüpfungsstellen im Raum Ostermünchen und Niederaudorf“ vertieft prüfen“. So heißt es seitens des Verkehrsministeriums.

Die Menschen am Schauplatz des Projekts hingegen sehen zwar die Skepsis der Experten vom Zentrum für Schienenverkehrsforschung, sie sehen aber grundsätzlich auch und vor allem die Möglichkeit für eine Umsetzung. Zum Beispiel Matthias Bernhardt, Bürgermeister von Oberaudorf.

„Das Gutachten hat ja eben nicht bestätigt, was die Bahn immer wieder gesagt hatte, nämlich dass es nicht geht“, sagt Bernhardt. „Es hat vielmehr die Möglichkeit eines Tunnels offengehalten.“ Bernhardt sieht darin einen „positiven Ausgang“.

Dass das Ministerium einem solchen Statement des DZFS eine solche Reaktion in solcher Geschwindigkeit folgen lasse, gehe nicht an. „Diese Entscheidung ist sehr abrupt. Wir sind weiterhin der Meinung, dass man die Möglichkeit einer Verknüpfungsstelle im Berg erst einmal genauer beleuchten muss“, sagt Bernhardt. Im Kreise der betroffenen Bürgermeister des Inntals sowie der Unteren Schranne in Tirol werde man das weitere Vorgehen besprechen.

Martin Hagen, Chef der FDP-Fraktion im Landtag, hat dafür Sympathie. Er sieht die Sache ein bisschen anders als der Parteikollege im Verkehrsministerium: „Wir stehen einer Verlegung ins Wildbarrenmassiv weiterhin offen gegenüber.“ Man solle jedoch keine falschen Hoffnungen schüren: Die Studie zeige die Probleme einer Tunnellösung auf.

Die Staatsregierung steht wegen einer anderen Angelegenheit bereits länger in Kontakt mit Volker Wissing. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) schickte Ende Januar einen Brief an den Verkehrsminister. Sein Vorschlag: eine Erhöhung der Lkw-Maut, um den Verkehrsdruck auf den Brenner zu verringern und damit den Streit über die Blockabfertigung beizulegen.

Söder-Brief ist
eingegangen

Für die Antwort auf Söders Vorstoß lässt sich der Minister mehr Zeit als für seine Entgegnung auf die DZFS-Studie.  Man könne bestätigen, dass der Brief eingegangen sei, heißt es aus dem Verkehrsministerium. „Eine Bewertung steht noch aus.“

Daniela Ludwig: Machbarkeit auf eigene Initiative nachweisen

Gemeinsam mit den betroffenen Gemeinden und der Interessensgemeinschaft Inntal 2040 hält auch die Rosenheimer CSU-Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig an einer unterirdischen Verknüpfungsstelle bei Niederaudorf fest. „Wir sind uns einig, dass diese Lösung längst nicht ad acta gelegt werden kann, wie vom Bundesverkehrsminister vorgesehen“, sagte Ludwig nach einem ersten Gedankenaustausch in Flintsbach. „Wir interpretieren das Gutachten des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung auch anders als das Bundesverkehrsministerium.“

Die zentralen Botschaften lauteten: Eine unterirdische Lösung sei aufwendig, teuer und zeitraubend, aber möglich. „Wir haben deshalb keinen Grund, eine unterirdische Verknüpfungsstelle fallen zu lassen - im Gegenteil: Unser Ziel ist es, die technische Machbarkeit auf eigene Initiative nachzuweisen.“ Dazu werde man zeitnah Gespräche mit Experten führen. Daniela Ludwig sagte, sie hoffe dabei auf die Unterstützung der Bayerischen Staatsregierung.

Artikel 7 von 11