Sicherheitshinweise vom dav und Bergwacht

Sonne und Schnee sind gefährlich

von Redaktion

Innerhalb von zwei Wochen sind sechs Menschen aus oder in der Region beim Wandern tödlich verunglückt. Die OVB-Heimatzeitungen haben bei Experten nachgefragt, was die Touren derzeit so gefährlich macht und worauf Ausflügler unbedingt achten sollten.

Rosenheim – Strahlender Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen werden am Wochenende wieder viele Menschen in die Berge locken. Doch die Suche nach Ruhe und Entspannung in den Bergen hat jüngst fünf Wanderern innerhalb von nur zwölf Tagen das Leben gekostet. Ein weiterer Mann aus dem Landkreis verunglückte im selben Zeitraum in den Ammergauer Alpen.

Insgesamt haben nach Angaben der Polizei im Jahr 2022 bereits 14 Menschen in den Bergen der Region ihr Leben verloren – eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Todesfällen. Im vergangenen Jahr waren es elf. Die dabei immer wiederkehrende Frage: Passieren die Unglücke nur aufgrund der tückischen Verhältnisse im Frühjahr oder sind es womöglich Fehler, die vermieden werden könnten?

Sechs Tote
in zwei Wochen

Die schwarze Serie in der Region begann, wie bereits berichtet, mit einem Absturz dreier Wanderer an der Maiwand bei Flintsbach. Beim Abstieg verließ die Gruppe womöglich die ausgeschriebene Tour und stürzte in unwegsamem und rutschigem Gelände eine Felswand hinab. Einen Tag darauf konnte eine 35-jährige Trostbergerin nur noch tot aus einer schneebedeckten Rinne im Bereich des Rauschberges bei Ruhpolding geborgen werden.

Am vergangenen Montag dann der nächste Absturz: Ein Mann aus Bruckmühl war am Sonnenberg in Unterammergau vor den Augen seiner Begleiterin rund 200 Meter in felsigem Gelände abgestürzt. Den polizeilichen Ermittlungen nach lag der Ort des Geschehens nicht unweit einer schattigen und eisigen Schneefläche.

Absturz am
Rötelwandkopf

Das vorläufige Ende der Unfallserie war am vergangenen Mittwoch der Absturz eines 56-Jährigen am Rötelwandkopf im Chiemgau. Die teilweise noch vereisten und schneebedeckten Steige des Jägersteigs wurden dem Mann aus Übersee laut Bergwacht zum Verhängnis. So haben alle Unglücke womöglich eines gemeinsam: die derzeit schwierigen Verhältnisse in den Bergen.

„Wir befinden uns gerade in einer Übergangsphase“, sagt Roland Ampenberger von der Bayerischen Bergwacht. Der Winter macht langsam dem Frühling Platz. „Trotzdem sind die Bedingungen in den Bergen größtenteils noch winterlich“, sagt Christoph Schnurr, Geschäftsstellenleiter der Rosenheimer Alpenvereinssektion. Das bedeutet, dass die noch zahlreich vorhandenen Schneefelder zum Verhängnis werden können. Vor allem die „wechselnden Verhältnisse im Laufe des Tages spielen dort eine große Rolle“, sagt Ampenberger.

In der Nacht herrschen noch Minusgrade, die den Altschnee durchfrieren lassen. Dieser ist nach Angaben des Bergretters daher am Vormittag an schattigen Nord- und Westhängen besonders eisig und somit rutschiger.

Anpassung
beim Abstieg

Ab den Mittagsstunden müssen sich Wanderer dann auf ein anderes Bild einstellen. Die wärmende Sonne weicht den Schnee immer mehr auf. Dadurch ist der Untergrund dann nicht mehr hart, sondern vielmehr wässrig und schmierig. Wer diesen Wechsel nicht bemerkt oder beachtet, lebt gefährlich, sagt Ampenberger. Besonders beim Abstieg müsse man sich den veränderten Gegebenheiten neu anpassen.

Die steigenden Temperaturen im Tagesverlauf sorgen zudem für einen weiteren tückischen Aspekt. „Das ablaufende Wasser des schmelzenden Schnees kann nicht im Boden versickern, da dieser durch die kalten Nächte noch gefroren ist“, sagt Schnurr. So bildet sich stellenweise eine Art Schmierfilm auf dem Boden, der beispielsweise unter Wiesen nicht zu sehen ist. Dieser Umstand macht vermeintlich leichte Bereiche wie Grashänge plötzlich doch gefährlich.

Zusammengefasst ist laut den beiden Experten das Schwierige an Frühjahrsbergtouren, dass sich die Bodenbeschaffenheit innerhalb kürzester Zeit verändern kann. Jeder Schritt muss „achtsam“ gewählt werden. „Man muss sich auch im Klaren sein, dass Touren zu dieser Jahreszeit ein erhöhtes Maß an Bewegungsfähigkeiten erfordern“, sagt Ampenberger. Für Ungeübte könne selbst eine Wanderung in niederen Lagen gefährlich werden, so Ampenberger, der die aktuell hohe Anzahl an Todesfällen als „ungewöhnlich“ bezeichnet.

Diese Einschätzung teilt auch Franz Knarr, ehemaliger Vorsitzender des DAV Rosenheim und selbst leidenschaftlicher Bergsteiger. „Das Berggehen im Frühling darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden“, sagt Knarr. Die Situation am Berg sei eine andere als im Sommer. Dementsprechend müsse sowohl die Planung einer Tour als auch die Ausrüstung angepasst werden. „Wer die richtigen Sachen dabei hat, dem passiert auch weniger. So war’s aber schon immer“, sagt Knarr. Entscheidend sei auch, dass man sich nicht zu sehr darauf verlässt, was zum Beispiel eine App sagt oder man mehr Risiko eingeht, da „der Hubschrauber der Bergwacht schon kommt, wenn etwas passiert“, sagt Knarr.

Vorsicht ist
besser als Nachsicht

Sein Sektionskollege Schnurr mahnt deshalb zur Zurückhaltung. „Zu dieser Jahreszeit sollte man lieber defensiv herangehen und sich nicht überschätzen“, sagt Schnurr. Er kann sich die Mehrzahl an Todesfällen nämlich nur so erklären, dass durch die geringe Schneemenge in diesem Jahr und das durchweg schöne Wetter die Einschätzung der tatsächlichen Lage oftmals trügerisch gewesen sein könnte.

Für sicheres Bergsteigen im Frühjahr

Wer in der kommenden Zeit eine Bergtour plant, sollte laut den Experten Folgendes beachten: Auch wenn das Wetter etwas anderes vermuten lässt, muss in den Bergen jederzeit mit winterlichen Verhältnissen gerechnet werden. Deswegen solle man sich im Vorfeld zum Beispiel durch Panoramabilder oder entsprechende Informationen in sozialen Netzwerken über die tatsächlichen Bedingungen informieren. Ganz entscheidend sei die richtige Ausrüstung wie Grödeln, Stöcke, die richtige Bekleidung und ausreichend Flüssigkeit. Die eigene körperliche Verfassung darf nicht außer Acht gelassen werden. Wer sich unsicher fühlt oder wen die Kraft verlässt, solle im Zweifel umkehren. Zudem empfiehlt der DAV, die offiziell ausgeschriebenen Wege nicht zu verlassen und nicht alleine aufzubrechen.

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