Kriegsflüchtlinge

Improvisieren auf Neuland

von Redaktion

Schulleiter hoffen auf unbürokratische Hilfe für geflüchtete Kinder

Rosenheim – Die Atmosphäre, sagt Jürgen Lang, die müsse man mal miterlebt haben. „Die Kinder machen jetzt gerade eine Collage, das Leben in der Ukraine, das Leben bei uns. Und nächste Woche kochen sie ukrainisch für uns.“ Der Schulleiter der Mittelschule Feldkirchen-Westerham erzählt von seinen Erfahrungen mit jungen Menschen, die vor Putins Krieg gegen die Ukraine geflohen sind. Neun Kinder sind an seiner Schule, seit einer Woche schon, die Feldkirchen-Westerhamer Mittelschule gehörte zu den ersten in der Region Rosenheim, die Kinder und Jugendliche aus der Ukraine aufnahm. Sie sind zwischen elf und 16, alle aus Kiew, sagt Lang, der den neun Buben und Mädchen schon mal ein gutes Zwischenzeugnis ausstellt. Die könnten jetzt schon auf Deutsch grüßen, „sie lernen unglaublich schnell“.

Erlebnis des
Austauschs

Vom Lohn des Kümmerns vom Erlebnis des Austauschs wissen auch andere Lehrer zu berichten. „Die Kinder haben sichtlich Freude“, sagt Dieter Friedel, Direktor des Ignaz-Günther-Gymnasiums. Seine Zugänge logieren noch in der Luitpold-Halle in Rosenheim, sie sind noch nicht direkt in den Unterricht eingebunden. Aber sie sollen schon mal Kontakt bekommen. Daher spielen einheimische Kinder und die aus der Ukraine miteinander, an zwei Nachmittagen in der Woche, Basteln und Malen gehört auch dazu.

Friedel gehört aber auch zur Steuerungsgruppe, die Bemühungen der Schulen und der Ehrenamtlichen mit den Geflüchteten und den Konzepten des Freistaats synchronisieren soll. Viel Arbeit. Nach Auskunft des Schulamts in Rosenheim haben in Stadt und Landkreis gut 20 Schulen bereits Kinder und Jugendliche aufgenommen. Bisher seien es meist einzelne oder wenige Kinder, die sich an den Schulen gemeldet haben, aber dies sei nur eine Momentaufnahme, meint Amtschefin Angelika Elsner. Der Stand ändere sich permanent.

In Prien, Bruckmühl, Bad Aibling und Wasserburg werden für elf- bis 16-jährige Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I „Willkommensgruppen“ eingerichtet. Vor allem die Mittelschulen, die schon seit der Flüchtlingskrise wegen des syrischen Bürgerkriegs ab 2014 Deutschklassen anbieten, spielen eine wichtige Rolle in dem Konzept. Von Feldkirchen über Höhenrain bis nach Halfing, Prien und Rosenheim sind sie neben den Grundschulen die erste Stelle zum Andocken. So weit scheint die Struktur klar zu sein, ein detallierteres Konzept ist erst am Montag angekommen. Die vielen Leerstellen in den allgemeinen Vorgaben haben bislang Schulleiter, Ehrenamtliche und Lehrer in eigener Initiative ausgefüllt.

Jeder will helfen, jeder macht es ein bisschen anders, es ist ein Improvisieren auf Neuland. „Wir wissen nicht, wie viele kommen, wir wissen nicht, wann und wie lange“, sagt Schulleiter Friedel. Auch Andreas Schaller, Friedels Kollege am Ludwig-Thoma-Gymnasium in Prien, fühlt sich nicht ausreichend unterrichtet. „Bleiben sie drei Monate, bleiben sie drei Jahre, darüber kann kein Mensch Auskunft geben“, stellt er nüchtern fest. „Aber dann lässt die Wertigkeit des Konzepts zu wünschen übrig.“

Auch Marcus Hübl wünscht sich „mehr Transparenz“ in der Angelegenheit. Dass Prognosen schwierig sind, wenn man noch nicht mal genau weiß, wie viele Ukrainer bereits nach Deutschland gekommen sind, versteht der Leiter der Franziska-Hager-Mittelschule in Prien. Aber er wüsste auch gerne, wie Aushilfskräfte bezahlt werden sollen. „Auf Dauer nur auf Ehrenamtliche zu setzen, könnte schwierig werden“, schwant es Hübl.

Wichtiger
Ansprechpartner

Das treibt auch Mirko Hoppe um. Der Priener evangelische Pfarrer war durch Friedensgebete und andere Aktionen bereits bekannt geworden. Mit Ankunft der Flüchtlinge wurde er zu einem der wichtigen Ansprechpartner. Er setzte sich mit Schulen in Verbindung, besuchte Geflüchtete in Unterkünften, richtete Whatsapp-Gruppen ein, eine nennt er „schnelle Einsatztruppe“ – die sammelt dann zum Beispiel Dinge, die die Flüchtlinge im Moment dringend benötigen. Er sieht viel Hilfsbereitschaft, aber auch die Gefahr der Überforderung. Der Gemeinde will er vorschlagen, jemanden auf 450-Euro-Basis einzustellen, der bei der Koordination helfen kann.

Manchmal aber geht es fast von selber. So wie in Feldkirchen-Westerham. Dort meldete sich eine junge Ukrainerin, eben erst angekommen, die sich als Gymnasiallehrerin entpuppte. Olana Aliieva nimmt ihre jungen Landsleute zusammen mit anderen Betreuern unter ihre Fittiche. Ein Glücksfall für die Schule. „Die machen das richtig toll“, sagt Schulleiter Lang.

Zahlen der Region

Die Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling hatte am Samstag die Pforten geöffnet, damit ukrainische Kriegsflüchtlinge unkompliziert eine Kontoverbindung eröffnen können. Kontos seien entscheidend, um bargeldlosen Zugang zu staatlichen Unterstützungsleistungen zu erhalten, heißt es seitens der Sparkasse. In den Zweigstellen Bad Aibling, Brannenburg, Prien und Bad Endorf seien mit Unterstützung von über 60 freiwilligen Sparkassenmitarbeiterinnen über 200 Konten eröffnet worden. „Eine Herzensangelegenheit“, sagt Vorstandsmitglied Stefan Donderer. Die Sparkasse stehe dafür, „den Menschen zu einem selbstbestimmten Leben zu verhelfen“, lobte Landrat Otto Lederer (CSU).

Kontos für geflüchtete Ukrainer

1470 Flüchtlinge aus der Ukraine wurden bislang im Landkreis erfasst: 570 in Sammelunterkünften und 900, die privat unterkamen. In Rosenheim beläuft sich die Zahl der geflüchteten Menschen aus der Ukraine auf 300. Zu rechnen ist mit einer Dunkelziffer – viele Flüchtlinge sind noch nicht offiziell gemeldet.

Artikel 5 von 10