Kiefersfelden/Palma – Es ist ein unglaublicher Vorwurf: Eine 63-jährige Frau aus Kiefersfelden soll vergangenes Jahr über Monate hinweg ihren Vater (89) vergiftet haben. Der Mann starb Mitte November in einem Krankenhaus. Die Frau wurde jetzt auf Mallorca verhaftet, wo sie mit ihrer Tochter hingezogen war.
Gestern berichtete das Polizeipräsidium Oberbayern Süd in Rosenheim von der spektakulären Festnahme, die am vergangenen Freitag in der mallorquinischen Hauptstadt Palma erfolgte: Die Staatsanwaltschaft Traunstein hatte die 63-jährige Kiefersfeldenerin per internationalem Haftbefehl gesucht.
Benzodiazepine
und Opiate?
Der Vorwurf: Ihrem 89-jährigen Vater sollen vor seinem Tod über einen längeren Zeitraum hinweg Stoffe verabreicht worden sein, die zu seinem Tod führten. Laut dem mallorquinischen Online-Magazin „Ultima Hora“ handelte es sich um Benzodiazepine, die als Schlaf- oder Beruhigungsmittel verwendet werden, sowie um Opiate (starke Schmerzmittel). Informationen, zu denen das Polizeipräsidium Oberbayern Süd „aus ermittlungstaktischen Gründen“ keine Angaben machen wollte.
Auch der Bruder der verhafteten 63-Jährigen soll demnach mitgeholfen haben. Laut Mallorca Magazin wurden die Medikamente zwischen dem 1. Mai und dem 2. November letzten Jahres verabreicht. Die dadurch entstandene Sepsis habe zu einer Notaufnahme in der Klinik geführt. Wenige Tage später starb der Mann am 16. November in einer Klinik im Raum Rosenheim.
Nach dem Tod des Vaters erhielt die 63-Jährige laut „Ultima Hora“ einen Erbschaftsvorschuss von 112875 Euro und zog Ende November mit ihrer Tochter auf Mallorca. Die beiden lebten in getrennten Wohnungen in Palma. Außerdem soll Geld aus einer Lebensversicherung ausbezahlt worden sein. Spanische Ermittler schließen eine „Tötung aus niederen Motiven“ nicht aus, hieß es. Bei der Kripo Rosenheim ermittelten rund zehn Beamte der „Ermittlungsgruppe Erbe“ in dem Fall. Erhebliche Geldsummen aus dem Erbe des Verstorbenen gelten für die Ermittler des zuständigen Fachkommissariats K1 der Kripo Rosenheim als Motiv für die Tat. Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, sprach gegenüber unserer Zeitung von „einem niedrigen sechsstelligen Betrag“.
Bei der Verhaftung waren ein Staatsanwalt und mehrere Ermittler aus Rosenheim in Palma zugegen. Die 63-Jährige sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Die deutschen Justizbehörden streben ihre Auslieferung nach Deutschland an.
Die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei in dem Fall dauern an. Die spanischen Behörden müssen einer Auslieferung nach Deutschland zustimmen. Die letzte Entscheidung liegt beim nationalen Gerichtshof in Madrid.
Die Tochter der 63-jährigen Frau aus Kiefersfelden wurde nicht verhaftet. Allerdings wurden beide Wohnungen der Frauen durchsucht. Dabei beschlagnahmten die Fahnder sechs Handys, Notizbücher und handschriftliche Notizen. Eine dieser Aufzeichnungen könne die Angeklagte bei der Tat belasten, hieß es im Mallorca Magazin.