Rosenheim – An einem Vormittag Anfang März klingelt bei Matthias Müller (Name geändert) das Telefon. Am anderen Ende der Leitung sind mehrere Personen, die sich abwechselnd als Richter, Staatsanwalt oder andere Respektspersonen ausgeben. Sie erzählen Müller, der auf die 90 zugeht, von angeblichen Betrügern in der Gegend und fragen, ob er Bargeld im Haus habe. Falls ja, müsse das auf Falschgeld untersucht werden.
Angst vor Negativzinsen
Müller hat Geld zu Hause. Er hat sein Sparbuch aufgelöst und das Geld, das er sich über Jahre von seiner Rente abgespart hat, aus Angst vor Negativzinsen von der Bank geholt. Müller lässt sich überzeugen, das Geld einem Abholer zu übergeben. „Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist“, sagt Müller schluchzend. Gestern erzählte er auf Bitten des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd von seinem Fall. Um andere zu warnen. Er hat den Menschen am Telefon vertraut. Und dadurch 30000 Euro verloren.
Legendenbetrug nennt die Polizei diese Masche. Die Betrüger geben sich am Telefon als Polizisten, Richter oder Anwälte aus. Sie erzählen ihren Opfern zum Beispiel von Einbrüchen in der Nachbarschaft. Bei Festnahmen sei die Adresse des Opfers gefunden worden. Ein Teil der Diebesbande sei aber noch auf freiem Fuß. Deshalb müssten Bargeld und Wertgegenstände in Sicherheit gebracht werden.
Masche zwei: Der Schockanruf. Die Anrufer berichten von einem Unfall. Eine Angehörige habe jemanden totgefahren, es drohe Haft. Gegen Kaution könne das geliebte Familienmitglied wieder freikommen. In beiden Fällen soll das Geld an einen Abholer, einen angeblichen Zivilbeamten, übergeben werden.
Obwohl diese Betrugsmaschen schon lange bekannt sind, fallen noch immer viele, vor allem betagtere Menschen, darauf herein. „Senioren werden aufs Übelste ausgebeutet“, sagt Polizeisprecher Martin Emig. In den vergangenen Monaten gab es eine regelrechte Welle an Telefonbetrugsversuchen. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd wurden im ersten Quartal 2022 insgesamt 466 solcher Versuche registriert. 14-mal waren die Betrüger erfolgreich. Damit ist bei den erfolgreichen Betrugsfällen schon fast die Zahl des gesamten Vorjahres (18) erreicht. Knapp 1000 Versuche gab es im Jahr 2021. Gesamtschaden: mehr als 600000 Euro, allein in Bargeld. Und die Dunkelziffer dürfte höher sein – denn aus Scham meldet sich nicht jeder Geschädigte bei der Polizei.
Bei den Tätern handelt es sich um psychologisch geschulte und hochprofessionell agierende Banden, die in der Regel aus Callcentern im Ausland operieren, berichtet Kripo-Kommissariatsleiter Christoph Mitter. Es scheint, als hätten sich Callcenter in Polen auf Schockanrufe spezialisiert, die Fälle über Betrugs- und Einbruchsgeschichten aus der Nachbarschaft lassen sich häufig in die Türkei zurückverfolgen.
Die Täter sind in der Lage, ihre Telefonnummern zu verbergen, sodass am Telefon der Opfer regionale Vorwahlen oder sogar die 110 angezeigt werden. Die Betrüger arbeiten mit Abholern in der Region zusammen, die Beute wird möglichst schnell außer Landes geschafft. Das macht es für die Polizei so schwierig, die Fälle aufzuklären – wenn sie nicht sofort gemeldet werden.
Telefonbücher
werden durchforstet
Die Betrüger machen sich gezielt auf die Suche nach Senioren. Sie durchforsten die Telefonbücher nach aus der Mode gekommenen Vornamen und suchen gezielt nach drei- oder vierstelligen Telefonnummern, die darauf hindeuten, dass derjenige schon lange in dem Ort lebt. Sind die Opfer einmal am Haken, lassen die Täter nicht mehr locker und halten die Senioren geschickt in der Leitung – oft mit wechselnden Ansprechpartnern, um die Lügengeschichte glaubhafter zu machen. Dominik Göttler