Kiefersfelden – Der Blick vom Bergfriedhof geht über die Dächer von Kiefersfelden und Wiesen hinüber zum Zahmen Kaiser. Vom Kindergarten St. Martin gleich nebenan dringen Lachen und die Stimmen von Kindern über die Friedhofsmauern.
An einem Holzkreuz vor einer efeubewachsenen Wand hängen noch ein Kranz und der Trauerflor. Jemand hat erst kürzlich einen Bund goldgelber Narzissen auf das Grab des Mannes gestellt, dessen Schicksal in Kiefersfelden Ortsgespräch ist. 89 Jahre war er alt, als er im November vergangenen Jahres in einem Krankenhaus starb. Ist er einem Mord zum Opfer gefallen? Hat ihn am Ende seine eigene Tochter vergiftet? Wegen eines Erbes von etwas mehr als 110 000 Euro?
Fahndung
läuft seit Januar
Davon gehen die Ermittler aus. Am vergangenen Freitag wurde die 63-Jährige festgenommen. Auf Mallorca, wohin sie erst kürzlich mit ihrer Tochter gezogen war. In der Inselhauptstadt Palma griffen die spanischen Ermittler zu, unter den Augen von Ermittlern und eines Staatsanwalts aus Rosenheim, wie es aus Spanien heißt. Die Staatsanwaltschaft Traunstein hatte die Frau seit Januar international zur Fahndung ausgeschrieben.
Was der Frau aus Kiefersfelden vorgeworfen wird, ist ungeheuerlich. Mit schrecklicher Umsicht und Geduld soll sie vorgegangen sein. Nach Berichten spanischer Medien soll sie Pflegekräfte dazu bewegt haben, ihrem Vater über ein halbes Jahr hinweg starke Beruhigungs- und Schmerzmittel zu verabreichen. Die Pfleger ließ sie über die Gefährlichkeit der Präparate im Unwissen: Es handle sich um Medikamente für ihren Vater – so soll sie Bedenken der Pfleger zerstreut haben. In Wahrheit handelte es sich wohl um einen fatalen Cocktail: Die kontinuierliche Gabe der beiden Substanzen soll zu seiner Sepsis geführt haben, der 89-Jährige landete in der Notaufnahme des Klinikums. Wenige Tage später war er tot. Der Verdacht der Ärzte war geweckt, sie benachrichtigten umgehend die Behörden. „Als wir dann die Polizei hier auftauchen sahen, die das Haus versiegelte, waren wir doch sehr schockiert“, erzählt eine Nachbarin, „wir haben nie an ein solches Verbrechen gedacht.“
Nun liegt noch viel Arbeit vor den Ermittlern. Die Vorwürfe gegen die Tochter der 63-Jährigen, die ebenfalls in einer Wohnung in Palma lebt, sollen fallen gelassen worden sein. Sie habe bestritten, in die Taten verwickelt zu sein, die ihrer Mutter zur Last gelegt werden. Auch die Durchsuchung ihrer Wohnung brachte wohl keine ausreichenden Hinweise. Dagegen sollen Ermittlungen gegen ihren Onkel laufen, den Bruder der verhafteten Frau. Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd in Rosenheim, will diese Berichte weder bestätigen noch dementieren. Man befinde sich mitten in der Arbeit an den Ermittlungen, sagt er.
Zehn Beamte der Kripo Rosenheim untersuchen in der „Ermittlungsgruppe Erbe“ die Hintergründe. Für Vernehmungen der Beschuldigten werden sie möglicherweise bald keine Mallorca-Trips mehr unternehmen müssen. Spanische Medien wollen erfahren haben, dass die spanischen Gerichte eine Entscheidung gefällt haben: Die 63-Jährige soll demnach nach Deutschland ausgeliefert werden.