Alles eine Frage der Perspektive

von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

„Ganz unten“ heißt ein Buch von Günter Wallraff, das nach der Veröffentlichung über viele Monate auf dem ersten Platz der Bestsellerlisten zu finden war. Der Titel bringt kurz und plakativ zum Ausdruck, wie es dem Autor als Türke Ali verkleidet auf dem Arbeitsmarkt ergangen war.

„Ganz unten“ bedeutet, auf dem letzten Platz unserer Gesellschaft angekommen zu sein. In der Bibelstelle vom Abendmahl, die morgen am Gründonnerstag in allen Gottesdiensten vorgelesen wird, bekommt der Ausdruck „ganz unten“ auf einmal eine völlig neue Bedeutung: Jesus übernimmt vor dem Essen plötzlich den Dienst der Sklaven.

Er begibt sich nach „ganz unten“, wäscht seinen Freunden die Füße und berührt sie damit dort, wo der Schmutz am größten ist. Der Skandal spitzt sich noch zu, als er dieses zeichenhafte Handeln zu einem klaren Auftrag für seine Nachfolge erklärt. Ohne eine Bereitschaft zum Dienst „ganz unten“ gibt es keine echte Gemeinschaft mit ihm.

Manchmal frage ich mich, warum das so oft vergessen wird. Am Karfreitag sind die meisten seiner Getreuen verschwunden. „Ganz unten“ unter dem Kreuz stehen an diesem Tag nur seine Mutter und die besten Freunde. Das sind auch in unserem Leben meist die Menschen, die in schwierigen Lebenslagen noch an unserer Seite bleiben.

„Ganz unten“ ist wirklich kein Platz, den man sich in unserer Gesellschaft wünschen muss. Der Gründonnerstag und der Karfreitag aber geben diesem Begriff eine andere Perspektive. Diese Tage laden ein, manche eigenen Standpunkte in unserem Leben zu überdenken.

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