„Lebensgefährliche Situationen“

von Redaktion

Wie Blockabfertigungen in der Region zu Staus und Unfällen führen

Rosenheim – Es ist der 7. Januar dieses Jahres, kurz nach 10 Uhr vormittags. Seit einigen Stunden lässt Tirol Lastwagen nur schubweise durch. Mittlerweile stauen sich Fahrzeuge auf der Inntalautobahn und zurück auf die A8 bis in die Nähe der Anschlussstelle Bad Aibling. Ein Lastwagen nähert sich dem Ende des Staus. Doch der Fahrer bremst nicht, oder vielmehr viel zu spät – er hat das Ende des Staus nicht wahrgenommen. Der Lkw rauscht mit solcher Wucht in einen Sattelzug aus Ungarn, dass der ungarische Laster in weitere Autos geschoben wird. Chaos bricht aus. Trümmer regnen auf die Straße, neun Menschen werden verletzt, zwei davon schwer. Bis in den späten Nachmittag hinein dauert es, Wracks und Trümmer von der Fahrbahn zu schaffen.

Pkw quetschen
sich durch Lücken

Es ist die Blockabfertigung, die bestimmte Strecken im Landkreis Rosenheim an manchen Tagen zu besonders gefährlichen Orten macht. Wenn die Lastwagen dicht an dicht auf der rechten Spur stehen, gleicht das Auffahren auf die Autobahn einem Glücksspiel. Die Autofahrer müssen sich durch schmale Lücken quetschen. Und sie haben so gut wie keine Sicht auf die mittlere und linke Spur mit viel schnellerem Verkehr. „Lebensgefährliche Situationen“ hat Oberaudorfs Bürgermeister Matthias Bernhardt dabei schon erlebt.

Aber auch die Fahrer selbst sind ein Risikofaktor. Zeitdruck und Abstumpfen in stundenlangen Staus „wirken sich nicht gut auf die Fahrtüchtigkeit aus“, sagt Alexander Kreipl vom ADAC. Und auf den Autobahnen in der Region müssen sich die Fahrer besonders lange gedulden. 200 Staustunden registrierte der ADAC im vergangenen Jahr zwischen Inntaldreieck und Kiefersfelden, insgesamt also volle acht Tage im Stillstand. Gar 264 Stunden waren es im Jahre 2019. Ganze 37 Stunden waren es hingegen 2020 – Folge der harten Beschränkungen im ersten Corona-Jahr.

Im Jahr 2021 ereigneten sich nach Auskunft von Martin Emig, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, im Zusammenhang mit der Blockabfertigung drei Verkehrsunfälle mit Verletzten, ein Lastwagenfahrer starb. 13 Verkehrsunfälle zogen nur Sachschaden nach sich. In den ersten fünf Monaten 2022 haben sich wiederum bei drei Verkehrsunfällen Menschen verletzt; acht Verkehrsunfälle gingen mit Sachschaden aus.

Doch nicht nur die A 93 ist dicht, wenn die Tiroler die Grenze für Lkw schließen. „Regelmäßig Tohuwabohu“, stellt Reiseunternehmer Kurt Margreiter in den Orten entlang der Autobahn fest. Schuld ist der Ausweichverkehr. Margreiter hat bei der Blockabfertigung zuletzt Ende April seinen Schulbus unter Polizei-Eskorte durch Brannenburg gelenkt (wir berichteten). Um auf der Gegenfahrbahn die Lkw-Staus überholen und seine Schützlinge halbwegs pünktlich abliefern zu können.

Auch an anderen Stellen gerät der Kreislauf ins Stocken. „Unsere Sozialdienste, die sich um pflegebedürftige Menschen kümmern, schaffen ihre Touren nicht mehr in der dafür vorgesehenen Zeit“, hat Brannenburgs Bürgermeister Matthias Jokisch festgestellt. „Fußgänger müssen sich zwischen dem Schwerlastverkehr durchschlängeln – immer mit der Gefahr, übersehen zu werden.“

Besserung ist nicht in Sicht. Seit der Einführung der Drosselung hat sich die Zahl der Termine verdoppelt. 13-mal werden die Tiroler allein in den kommenden drei Wochen den Verkehr an der Grenze einbremsen.

Österreich will
Autobahn sanieren

In den kommenden Jahren könnten es sogar noch mehr Termine werden. Im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen hat die Landeshauptmann-Stellvertreterin Ingrid Felipe erst kürzlich vor zahlreichen Sanierungsmaßnahmen auf österreichischer Seite gewarnt; die Bauarbeiten machten immer wieder Einschränkungen nötig. „Was muss eigentlich passieren, dass das mal aufhört?“, fragt daher Kurt Margreiter. „Muss erst jemand überrollt werden?“

Die Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU) sieht die Verantwortung für diese Gefahr bei Tirols Landeshauptmann Günther Platter. Der habe die Eskalation zu verantworten, er schiebe in „grenzenlosem Egoismus“ die Transit-Probleme in die Nachbarländer ab. Die Untätigkeit der EU-Kommission gegenüber diesen Regelverstößen mache sie „wütend“, sagt sie. Sie appelliert an Bund und Bayern, bei der EU ein Vertragsverletzungsverfahren in Gang zu bringen.

Nach Auskunft des bayerischen Verkehrsministeriums hat sich Minister Christian Bernreiter bereits an die EU gewandt. Aber auch Bundesverkehrsminister Wissing solle sich „schleunigst ein Bild von der Lage“ machen. Sollte nichts helfen, müsse man auch an eigene „Dosiertage“ denken.

Termine der Blockabfertigungen

Die Verkehrspolizeiinspektion in Raubling wird in den kommenden drei Wochen mehr Beamte als sonst im Einsatz haben. Eine besondere Herausforderung stellen laut Martin Emig, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, kurzfristig anberaumte Blockabfertigungen außerhalb des Dosierkalenders dar. Was in den kommenden Wochen im offiziellen Kalender steht, genügt vollauf. An diesen Tagen ist Blockabfertigung: Montag, 23. Mai; Dienstag, 24. Mai; Mittwoch, 25. Mai (der Tag vor Christi Himmelfahrt); Freitag, 27. Mai (Tag nach Christi Himmelfahrt); Freitag, 3. Juni; Samstag, 4. Juni (vor Pfingsten); Dienstag, 7. Juni (nach Pfingsten); Mittwoch, 8. Juni; Donnerstag, 9. Juni; Montag, 13. Juni; Dienstag, 14. Juni; Mittwoch, 15. Juni (vor Fronleichnam); Freitag, 17. Juni (nach Fronleichnam).

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