„Notfalls eigene Dosiertage“

von Redaktion

Stillstand auf den Straßen und im Transitstreit – Reaktionen der Politik

Rosenheim – Ferienzeit, Stresszeit: Tirol zieht im Transitstreit mit Bayern die Schraube an. Das österreichische Bundesland verdichtet im Mai und Juni den Takt der Blockabfertigungen nochmals. Damit ist die Zahl der Blockabfertigungen seit der Einführung 2017 um mehr als das Doppelte gestiegen.

Die Bürgermeister des Inntals und Landrat Lederer hatten sich zum Tiroler Kalender und den absehbaren Staus in der Wochenendausgabe der OVB-Heimatzeitungen geäußert.

Der Ton
verschärft sich

Der Ton im Transitstreit verschärft sich, so viel kann man sagen. Jüngst hatte sich Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter zu dem Streit geäußert (wir berichteten). Gespräche? Ja, so etwas sei vorzuziehen. So äußerte sich der CSU-Mann. Um dann harte Kante zu zeigen: „Wenn wir kein Einlenken erkennen können, dann hilft nur der Klageweg durch die EU. Denn am Brenner muss sich endlich was bewegen.“

Die Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU) hat das „Wenn“ in Bernreiters Gedanken offenbar schon durch „Weil“ ersetzt. Sie sieht eine eindeutige Verantwortung bei der anderen Seite. „Die Lage ist eskaliert“, stellt sie fest. „Und das hat allein der Tiroler Landeshauptmann Platter zu verantworten.“ Die EU-Kommission? Schon viel zu lange untätig, schimpft sie. Und was sagt Landeshauptmann Platter (ÖVP) dazu? „Irrwitzig“, meint er. „Wenn jemand gültige Verträge verletzt, dann ist es Deutschland.“

Die meisten Bürgermeister des Inntals wollen eine Klage zumindest als letztes Mittel in Betracht ziehen. Bis auf Hajo Gruber, Bürgermeister von Kiefersfelden. Der sagt, die Regierungen sollten eine Lösung durch „konstruktives Zusammenwirken“ erreichen, „nicht durch gegenseitige Klagen“. Doch was sagt die Politik auf Landes- und Bundesebene? Wir legten Vertretern der Region in Bundestag und Landtag sowie im Europaparlament die Anliegen der Bürgermeister und von Landrat Otto Lederer (CSU) vor.

Daniela Ludwig drängt die EU, der sie „Arbeitsverweigerung“ vorwirft. Ihren Beifall findet Bayerns wachsender Druck auf Brüssel. Nicht nur dass Verkehrsminister Bernreiter sich an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gewandt habe, sondern auch EVP-Chef Manfred Weber (CSU) habe seine Unterstützung zugesichert. „Die Untätigkeit der Kommission ist nicht mehr hinzunehmen“, sagte Ludwig. „Deshalb fordere ich gemeinsam mit der Bayerischen Staatsregierung Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf, umgehend tätig zu werden.“ Bayern und die Bundesregierung sollten auch offen für Gegenmaßnahmen sein, „etwa An- und Abfahrtsverbote, notfalls auch eigene Dosiertage“. Solange Landeshauptmann Platter innenpolitisch von den Blockabfertigungen profitiere, werde er damit nicht aufhören.

Martin Hagen, Fraktionschef der FDP im Landtag, äußert Verständnis für die Menschen in Tirol, die unter dem Lkw-Verkehr leiden. Das große „Aber“ auch des FDP-Politikers: „Die Blockabfertigung löst das Problem nicht, sondern verlagert es nur.“ Er setzt auf Zusammenarbeit von Bayern und Tirol, sie sollten „gemeinsam an einer fairen Lösung arbeiten“. Grundsätzliche Voraussetzung für eine Lösung: „Wir müssen mehr Güterverkehr auf die Schiene verlagern.“ Zum Vorschlag von Ministerpräsident Markus Söder an Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP), die Lkw-Maut für Brenner-Zubringer auf deutscher Seite zu erhöhen und somit den meistbefahrenen Pass zu entlasten, äußert er sich nicht. Dazu habe er sich noch keine Meinung gebildet, sagt der Liberale.

Maria Noichl, Europaabgeordnete der SPD, sieht die Schuld auch bei Bayern. Österreich mache lediglich mit drastischen Mitteln auf die Situation vor Ort aufmerksam. Vor Jahren schon hätte die bundesdeutsche wie auch bayerische Verkehrspolitik tätig werden müssen, sagt die Politikerin aus Rosenheim: „Die CSU-Bundesverkehrsminister Ramsauer, Dobrindt und Scheuer hatten aber immer nur die Lobbyisten auf der Straße im Blick und die Bahn stiefmütterlich behandelt“.

Sie fordert verpflichtende flankierende Maßnahmen, um große Teile der Güter von der Straße auf die Schiene zu zwingen – allerdings als einzige von den befragten Politikern ohne Ja zum Brenner-Nordzulauf mit einer Neubautrasse. „Wir haben eine tragfähige Bestandsstrecke“, sagt Noichl. Diese bereits bestehenden Gleise könnten auch das zu erwartende Mehr an Gütern bewältigen. Und eine Hochgeschwindigkeitstrasse für den Personenverkehr helfe beim Gütertransport nicht weiter.

Güter auf
die Schiene bringen

Da sind die Grünen anderer Meinung. Zum Beispiel Karl Bär, Bundestagsbetreuungsabgeordneter der Grünen für die Region Rosenheim: Der Verkehr müsse von der Straße auf die Schiene. „Dafür brauchen wir schnell die Entscheidung für den Brenner-Nordzulauf.“

Damit getan sei es nicht. Zusätzlich wünscht er sich eine „Korridormaut“, damit sich der Güterverkehr anders über die Alpenübergänge verteile. „Außerdem brauchen wir für die Personenzüge eine höhere Taktung, damit es für Leute aus dem Inntal attraktiver wird, mit der Bahn zu fahren.“ Lkw auf der Durchreise wiederum sollten von den Ausweichstrecken durch das Inntal neben der Autobahn ausgeschlossen werden, „so wie das im Tegernseer Tal der Fall ist“.

Ein gemeinsames Problem von Bayern und Tirol, mit beiderseitigen Versäumnissen, sieht der CSU-Landtagsabgeordnete Klaus Stöttner. Um das Transitproblem in den Griff zu bekommen, schlägt auch er eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene vor. „Da sollte man konkrete Maßnahmen beschließen, um den Tirolern gegenüber ein Zeichen zu setzen, dass uns das ernst ist.“ Denkbar wäre auch, für eine gewisse vereinbarte Anzahl von umweltfreundlicheren Fahrzeugen das Nachtfahrverbot aufzuheben, „um das Geschehen am Tage zu entzerren“. Eine Klage sei juristisch vielleicht sogar sinnvoll, schon aus Gründen der guten Nachbarschaft aber solle man zunächst auf Dialog setzen.

Artikel 4 von 11