Gute Laune hilft gegen Schmerz

von Redaktion

Interview Experten der Schön Klinik Vogtareuth über neue Therapie

Vogtareuth – Schmerzen kennt jeder. Was aber, wenn sie zu heftig sind? Und wenn sie zu lange währen? Der „Aktionstag gegen den Schmerz“ am heutigen Dienstag, 7. Juni, macht darauf und auf Behandlungsmethoden aufmerksam. Wir sprachen mit Dr. Andreas Weidmann und Dr. Veronika Hempel von der Schön Klinik Vogtareuth über die kombinierten Ansätze der Multimodalen Therapie. Und darüber, warum Indianer Schmerz zwar eben doch kannten, aber anders mit ihm umgingen.

Warum kennen Indianer keinen Schmerz?

Dr. Andreas Weidmann: Das ist ja so nicht richtig, Indianer kennen Schmerz durchaus. Sie haben nur, kulturell bedingt, eine andere Art damit umzugehen.

Inwiefern?

Weidmann: Sie haben in ihren Ritualen und in ihrer Sozialisierung gelernt, mit Schmerzen und Belastungen umzugehen. Damit haben sie dem Schmerz einen Stellenwert zugeordnet, der scheinbar geeignet ist, Schmerz besser zu ertragen, daher das Sprichwort. Im Gegensatz etwa zur europäischen Bevölkerung, die diese rituellen Schmerzerfahrungen so nicht machen.

Was könnten wir Europäer denn davon lernen?

Weidmann: Wir haben schon viel gelernt. Nämlich, dass wir imstande sind, mit dem Schmerz umzugehen. Und dass es Möglichkeiten gibt, Schmerzen neu zu bewerten, anders zu erleben, überhaupt das Erleben von und mit Schmerz zu verändern.

Die Psyche scheint in Ihrem Ansatz der Schmerzbehandlung eine wichtige Rolle zu spielen.

Dr. Veronika Hempel: Die multimodale Schmerztherapie ist nicht nur das eine oder das andere, ist also nicht nur Training oder Medikamente oder Arbeit an der Psyche. Wir greifen auf die Gesamtheit möglicher körperlicher und psychischer Therapien zurück.

Weidmann: Die Psyche ist genau wie der Körper auch ein wesentlicher Teil unseres Daseins. Man kann einen Schmerz weder auf die Ebene des Körpers noch auf die seelische Ebene reduzieren. Das ist immer eine Kombination aus beidem. Wir betrachten daher den Schmerz als psychophysisches Phänomen.

Für wen ist ein Besuch bei Ihnen in Vogtareuth zu empfehlen?

Hempel: Wir behandeln Menschen mit chronischen Schmerzen. Ein Schmerz ist chronisch, wenn er länger als sechs Monate anhält. Oder, man kürzt diese Frist in manchen Fällen, etwa beim Komplexen Regionalen Schmerzsyndrom, auch mal ab, weil man weiß, dass man da schneller reagieren muss.

Wenn der Patient zu Ihnen kommt – was geschieht dann?

Hempel: Nach dem Vorabscreening wird der Patient einbestellt. Das ist dann ein elektiver, also geplanter Aufnahmetermin zu einer geplanten, strukturierten Zweiwochentherapie. Der Patient durchläuft eine sehr sorgfältig und individuell angepasste Kombination aus Einzel- und Gruppentherapien. Einzel- und Gruppentherapien haben gemeinsam, dass sie immer auf Körper- und Selbstwahrnehmung und Aktivierung ausgerichtet sind. Wir machen keine passiven Therapieverfahren, also Verfahren wie Massage oder Fangopackung. Der Patient ist stets aktiv beschäftigt. Es geht schließlich um die Verbesserung seiner Lebensqualität, damit der Patient in seinem Umfeld wieder gut zurechtkommt.

In der Gruppentherapie, sprechen da die Patienten miteinander über ihre Schmerzerfahrungen?

Hempel: Ja, und nein. Es sind immer fest eingeteilte Gruppen von maximal acht Patienten, die den Ablauf der Therapie gemeinsam verbringen. Achtsamkeitsübungen, Detonisierung, Feldenkrais, und immer in Kombination mit Einzeltherapie.

Weidmann: Die Patienten sprechen natürlich auch miteinander, auch mit den Ärzten und Therapeuten. Es geht ja darum, Dinge zu verbessern, und das geht nicht ohne zu sprechen. Insofern sind wir sogar eine sehr sprechende Medizin. Weil wir uns auch zum Ziel gesetzt haben, betroffene Menschen aufzuklären, ihnen zu erklären, was sie tun können, wie sie etwas verändern können. Und um nochmal den Indianer und seinen Schmerz aufzugreifen: Es geht darum, eine andere Wahrnehmung des Schmerzes zu erlangen. Wir können das Erleben von Schmerzen und Krisen, wir können die Perspektive verändern, bearbeiten und neu bewerten. Was Indianer vielleicht schon von klein auf gelernt haben.

So wirksame Schmerzmittel wie heute gab es früher nicht. Oder schauen Sie sich Bergsteiger in alten Zeiten an, die noch mit Erfrierungen weitermarschieren. Wir dagegen nehmen sofort Schmerzmittel. Sind wir modernen Menschen Weicheier?

Weidmann: Nein, da geht es um die Kraft der Psyche. Die Überwindung körperlicher Grenzen durch mentale Kräfte ist etwas, was uns allen bekannt ist. Auch heute noch. Darum geht es letztlich auch in der Schmerztherapie, dass wir letztlich trotz der Schmerzen, trotz der Einschränkungen, die viele Menschen dann haben, emotional und psychisch eine Herangehensweise finden, die uns hilft, die Einschränkungen im Alltag für mehr Lebensqualität zu verändern. Bergsteiger sind ein gutes und schlechtes Beispiel. Ein gutes Beispiel, indem sie uns zeigen, dass die Grenzen verschiebbar sind. Ein schlechtes Beispiel deswegen, weil wir dem Patienten beibringen wollen, dass er nicht dauernd über seine Grenzen geht und sich damit in eine schmerzhafte Situation bringt oder diese verstärkt.

Sie können Schmerzen also nicht beseitigen, sondern helfen, dass der Patient sie anders wahrnimmt?

Hempel: Wenn wir uns Schmerzfreiheit auf die Fahnen geschrieben hätten, würden wir dauerhaft an der Realität scheitern. Schmerzfreiheit ist nicht das Ziel der multimodalen Schmerztherapie und gelingt nur in Einzelfällen.

Weidmann: Wir können dem Patienten nicht versprechen, dass er schmerzfrei wird. Wir können ihm eine Schmerzlinderung und eine Schmerzänderung versprechen. Unsere Daten zeigen, dass der Patient den Schmerz nach der Therapie im Schnitt um die 50 Prozent weniger intensiv empfindet. Und wir können immer versprechen, dass sich die Perspektive ändert.

Wäre eine solche Therapie nicht schon im Voraus sinnvoll?

Hempel: Ich glaube ja, aber in den Augen der Krankenkassen gibt es für die multimodale Schmerztherapie ganz klare Aufnahmekriterien. Eins davon ist die Dauer der Schmerzen, das bedeutet sechs Monate.

Weidmann: Sie können natürlich selbst präventiv tätig werden, indem Sie Ihr Aktivitäts- und Bewegungsniveau aktiv verbessern. Dadurch können Sie Ihr körperliches Wohlgefühl steigern, das stellt an sich einen Wert dar. Es macht es Ihnen aber auch leichter, mit Krisen oder Schmerzen umzugehen.

Gute Laune und Optimismus helfen gegen Schmerzen?

Weidmann: Kurz und bündig: ja, das ist so. Deshalb müssen wir schmerzbegleitende seelische Krisen unbedingt erkennen und mitbehandeln. Das ist Teil der multimodalen Schmerztherapie und internationale Empfehlung.

Interview Michael Weiser

Hotline zum Aktionstag

Fast 28 Prozent der Menschen in Deutschland leben dauerhaft mit Schmerzen. Bei sechs Millionen sind die Schmerzen so ausgeprägt, dass ein normaler Alltag kaum möglich ist. Die Deutsche Schmerzgesellschaft und ihre Partner machen heute auf die lückenhafte Versorgung aufmerksam. Von 9 bis 18 Uhr ist unter Telefon 0800/1818120 eine kostenlose Telefon-Hotline eingerichtet. Dort beantworten Experten Fragen zum Thema Schmerz.

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