Schleching – Eine komplette Herde Jungvieh ausgelöscht, eine Alm ohne Kalbinnen – Landwirt Hannes Hörterer aus Mettenham bei Schleching kann es immer noch nicht fassen: Neun junge Kälber, alle zwischen eineinhalb und zwei Jahre alt, sind in der Nacht auf Mittwoch die Zellerwand hinabgestürzt. Zuvor hatten sie in Panik mehrere Zäune durchbrochen. War ein Wolf im Spiel?
Wenn Hörterer den Tag Revue passieren lässt, kommt er immer wieder für einen Moment ins Stocken, muss kurz schlucken – die Gedanken an die tragische Suche nach seinem Jungvieh nehmen ihn sichtlich mit.
Alarm zur
Mittagszeit
Zur Mittagszeit hatte ihn ein Nachbar alarmiert, Ortsbauer Ralf Wegener. Wegener war wiederum vom Campingplatz, direkt unterhalb der bei Sportkletterern beliebten Zellerwand informiert worden, dass man Kuhgebrüll aus der Felswand vernommen habe. Alarmiert machte sich Wegener auf zu seiner Alm – dort war alles in bester Ordnung. Doch beim Nachbarn?
„Ich bin sofort los und rauf auf unsere Alm“, erinnert sich Hörterer. Dort der Schreckmoment: kein Vieh weit und breit. Er machte sich auf die Suche, ging den Spuren nach. Und stieß auf niedergetrampelte Stacheldrahtzäune, die Spuren immer weiter in den Wald hinein, auf den Abgrund zu. „Ich hoffte immer, gleich stehen sie da“, berichtet Hörterer und schluckt. Doch nichts. Und schließlich endeten die Spuren, dahinter nur noch der Abgrund, die Wand. „Das war der schlimmste Moment, da an der Absturzstelle.“ Etwa einen Kilometer habe sein Vieh zurückgelegt, offenbar in Todesangst.
Danach ging alles ganz schnell: ein Anruf beim zuständigen Veterinäramt in Traunstein, das wiederum die Bergung per Hubschrauber organisierte. Über ein Unternehmen aus dem benachbarten Tirol, die Kitz-Air aus Erpfendorf. Nach und nach wurden acht junge Kälber geborgen und zu einem Sammelplatz ausgeflogen. Doch es fehlte noch eins – was erst bei einem weiteren Suchflug inmitten der steilen Felswand entdeckt wurde, regelrecht verkeilt zwischen Fels und einem Baum. „Um das Kalb zu bergen, musste der Hubschrauber gewechselt werden.“
Pilot spricht von
Extremsituation
Schließlich hätten sich zwei Luftretter in der Felswand absetzen lassen und eine Seilsicherung angebracht, um überhaupt bis zur verunglückten Jungkuh vordringen zu können. „Die Bergung war hochkompliziert.“
Von einer „Extremsituation“ berichtet auch der Pilot selbst, Georg Schuster (60) aus Erpfendorf. Der Kitz-Air-Chef höchstpersönlich hatte den Einsatz in Schleching geflogen: „Wir haben zwar immer wieder Bergungen, aber so einen tragischen Einsatz hatte ich das erste Mal.“ Die Kosten für den Einsatz dürften sich dennoch nicht in astronomischer Höhe bewegen, wie Schuster auf OVB-Anfrage erklärt: „Der Anflug ist kurz, nur acht Minuten, und dann ging es bis auf die letzte Kuh, als wir wechseln mussten, relativ schnell.“ Summa summarum rechnet er mit maximal 5000 Euro.
Zwei Tage später bleibt nur noch Leere zurück in Mettenham: die Kadaver sind abtransportiert, der „Schaden“ wird mit 12000 bis 15000 Euro beziffert. Trächtig waren die neun Tiere nicht gewesen, doch sie wären diesen Sommer an die Reihe gekommen – die Nachzucht-Hoffnung der Familie Hörterer. „In der Herde befanden sich unsere besten Rinder, jetzt ist die gesamte Nachzucht weg, ein ganzer Jahrgang ausgelöscht.“
Was bleibt: eine weitere Jungkuhherde auf der Hochalm, hoch über Schleching – und das Vieh im Tale. Die ausgelöschte Herde muss nun nachbestückt werden, nach den Worten des Landwirts ebenfalls eine gewisse Herausforderung, da nicht jedes Kalb gleich gut geeignet ist. Hinzu kommt die Sorge ums verbleibende Vieh auf der Hochalm und am Hof. Denn Erzählungen zufolge soll sich der Wolf auch schon tief unten im Achental haben blicken lassen. „Dann wird es kritisch, von uns werden Offenställe gefordert, alles soll offen sein, da lacht doch der Wolf nur“, ärgert sich Hannes Hörterer.
Deshalb seine Forderung: Die Politik muss endlich handeln. Er hat zwei Punkte, die ihm konkret am Herzen liegen: Zum einen müssten Wolfssichtungen schneller kommuniziert werden, um den Almbauern die Chance zu ermöglichen, reagieren und ihr Vieh auch mal über Nacht in Sicherheit bringen zu können – „und nicht diese Geheimniskrämerei und Verschwiegenheit, wie es bei und das LfU und die Staatsforsten an den Tag legen.“ Zum anderen fordert er eine gewisse Regulierung der Wolfspopulation. „Der Wolf wird für uns mehr und mehr zu einem Problem.“
Abgeordneter
will sich einsetzen
Offene Ohren finden die Landwirte aus dem Achental beim CSU-Landtagsabgeordneten Klaus Steiner. „Ob Wolf oder nicht, jedenfalls geht es auch darum, dass besonders Rinder allein durch das Auftauchen von Raubtieren derart in Panik versetzt werden, dass es zu so dramatischen Vorfällen kommt.“ Zäune seien dann für die Tiere kein Hindernis mehr. „Wir brauchen ein besseres Infosystem bei der Sichtung von Wölfen, um unsere Landwirte zu warnen.“
Die gute Nachricht für Familie Hörterer: Ihr sollen zumindest für den Einsatz an sich keine Kosten entstehen. Die übernimmt der Landkreises Traunstein zusammen mit der Tierseuchenkasse des Freistaates, wie eine Landratsamtssprecherin auf OVB-Anfrage erklärte.