Politische Spiele

Zum Anwerben schlecht geeignet

von Redaktion

Olympia 1972 Wie die Stasi die Region und ihre Menschen einschätzte

Rosenheim – Mit sehr schöner Landschaft gesegnet, das ja. In der Entwicklung aber sei durchaus noch Luft nach oben. So ungefähr schätzten vor 50 Jahren DDR-Behörden die Region Rosenheim ein. Dementsprechend bereiteten Sport-Touristen aus Ostdeutschland ihren Ausflug zu den Olympischen Spielen 1972 in München wie eine Expedition in ein Entwicklungsland vor. Woher hatten die DDR-Behörden ihre Informationen? Lange vor den ersten Athleten und Sport-Fans waren Offizielle und vor allem Agenten eingetroffen. Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) waren dabei. Ihr Job: Voraufklärung auf quasi feindlichem, imperialistisch-kapitalistischem Boden. Konnte man Unterstützer und Anhänger der DDR-Mannschaft auf dem Land unterbringen, ohne dass sie den Versuchungen der westlichen Welt erliegen?

Hauptsache weit
weg von München

Das Zielgebiet hatte früh festgestanden. „Die Unterbringung der DDR-Olympia-Touristen im Herbst 1972 soll im Raum Rosenheim, Oberaudorf und Kiefersfelden erfolgen“, hieß es bereits im März des Olympia-Jahres in einem Schreiben der Staatssicherheits-Hauptabteilung II, zuständig für Spionage und Spionage-Abwehr.

Das Schreiben nannte den wichtigsten Vorteil der Region: die Distanz zu München. So könne man den Genossen „Kontaktmöglichkeiten nehmen und sie in dem verhältnismäßig übersichtlichen Gebiet besser unter Kontrolle halten.“ Stasi-Chef Erich Mielke traute eben niemandem. Vor allem nicht den eigenen Leuten.

Mielkes Schergen nahmen das Inntal mit der Genauigkeit von Anthropologen unter die Lupe. „Man kann sagen, dass bis 1950/55 das Gebiet Entwicklungsgebiet war“, heißt es im Bericht der Staatssicherheit. „Wenigstens in geistiger Hinsicht.“ Das Schulwesen dort sei „sehr zurückgeblieben“. Immerhin: „Das infrage kommende Gebiet ist landschaftlich äußerst reizvoll, insbesondere das Gebiet zwischen Niederaudorf und Kiefersfelden.“ Eine eigene, prägende Rolle erkannten die kommunistischen Späher der Geistlichkeit zu. Entscheidend einflussreich seien „wie eh und je die katholische Kirche und der Pfarrer.“ Und zwar unabhängig davon, ob die Menschen in jenem Tal tatsächlich gläubig seien. Kirchenhörigkeit mache einschichtig, die Menschen in diesem Winkel seien daher politisch nicht interessiert. Ausnahme Rosenheim: Dort gebe es eine Reihe von Industriebetrieben, die Bevölkerung der Stadt sei den „Prägungsversuchen der katholischen Geistlichen“ nicht gar so sehr ausgesetzt. Ein weiterer Vorteil von Rosenheim und Inntal liege – so meinten zumindest die Stasi-Leute – in der beruflichen Beschränktheit der örtlichen Polizei. „Es ist nicht anzunehmen, dass diese Beamten allzu leicht aus ihrem bisherigen Trott zu bringen sind. Von ihnen sind weniger Provokationen zu befürchten als etwa von Großstadtbeamten.“ Die MfS-Agenten brachten Tipps für den Alltag mit. Zum Beispiel betreffs „Grüß Gott“. Das sei nach wie vor der in Oberbayern zu allen Tages- und Nachtzeiten übliche Gruß. „Zur Herstellung eines freundlichen Klimas für die Begegnung ist zu empfehlen, dass sich aus der DDR kommende Touristen (…) anpassen und der Bevölkerung mit dem ihr gewohnten Gruß entgegentreten.“

Anderes war scharf beobachtet und kann bis heute Gültigkeit beanspruchen: Mit den Oberbayern sei gut auszukommen, schrieben die Agenten – solange man nicht versuche, diesen Einheimischen beizubringen, wie man „gewisse Dinge besser oder anders macht“, so lange man Speisen und Sprache nicht kritisiere. „Wenn man dieser Bevölkerung freundlich und aufgeschlossen gegenübertritt, tolerant ist in Bezug auf Sprache, Brauchtum und Religion, dürfte es kaum Schwierigkeiten geben.“ Unbedenklich in geheimdienstlicher Hinsicht seien sie auch. Von der ortsansässigen Bevölkerung seien Anwerbungsversuche nicht zu erwarten. „Das liegt der Bevölkerung nicht, dafür sind sie wenig geeignet.“

Man näherte sich, wie Berichte in den OVB-Heimatzeitungen zeigen, wohl ein bisschen an. Allerdings beklagten sich Einheimische auch über den Presserummel und über die Verstocktheit mancher Gäste.

Die Anfeuerungen der 2000 DDR-Sporttouristen beflügelten offenbar die Athleten. Die DDR landete im Medaillenspiegel auf Platz drei, mit großem Vorsprung auf die Klassenfeinde. Stasi-Chef Mielke war darob in Champagner-Laune.

Lob in einem

Rundschreiben

Die Aufklärungsarbeit der Stasi-Leute habe viel zum Erfolg der sozialistischen Sportnation beigetragen, lobte er in einem Rundschreiben. Dieser Triumph sei um so höher zu bewerten als er errungen sei: „im Revanchisten- und Subversionszentrum München“.

Sieg über den Klassenfeind

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