Das Haus der 10000 Fälle

von Redaktion

Neues Domizil für die Staatsanwaltschaft Rosenheim

Rosenheim – Abgefahren, womit die Staatsanwaltschaft Rosenheim manchmal zu tun hat. Manchmal auch wortwörtlich. Oberstaatsanwalt Gunther Scharbert, Leiter der Zweigstelle, erinnert sich an einen alten Reifen, runtergefahren bis unters Profil. Ein Versandbetrüger hatte ihn ins Paket gesteckt, weil er in etwa dem Gewicht des bestellten Elektrogeräts entsprach. Und so wurde der Reifen zu einem Beweismittel in einem Strafprozess.

Aber auch Baseballschläger, Messer, gefälschte Ausweise und Impfnachweise, Nummernschilder und vieles andere bewahrt die Behörde in ihrer Asservatenkammer auf. Alles Beweismittel für die Fälle, die in der Rosenheimer Zweigstelle auflaufen. „Von der Ordnungswidrigkeit bis zum Mord“, sagt Scharbert.

Nicht nur die Beweismittel anhängiger Fälle wurden in wochenlanger Arbeit von der Kufsteiner an die Aventinstraße gebracht, sondern auch Tausende von Akten. Was die Zweigstelle Rosenheim im Jahr so wegarbeiten muss, würde in anderen Regionen Bayerns womöglich für eine eigene Staatsanwaltschaft reichen. 10000 Fälle landen jedes Jahr in seinem Haus, erklärte Scharbert bei der Einweihung der neuen Büroräume, für jeden Fall gibt‘s eine Akte.

Zehn Staatsanwälte arbeiten in der Zweigstelle. Und auch wenn es mehr wären, würde ihnen die Arbeit nicht ausgehen, so hoch ist die Auslastung der Behörde. Immerhin: Die Räume sind luftig und hell, so viel wurde bei der Besichtigung zur Einweihung am gestrigen Dienstag, 5. Juli, deutlich. Und sogar einen Aufenthaltsraum mit Küche gibt es – mit James-Bond-Darsteller Daniel Craig als Pappkamerad in der Ecke.

Zahlreiche Ehrengäste waren zur Einweihung der neuen Räume gekommen, unter ihnen Landrat Otto Lederer und Oberbürgermeister Andreas März sowie Generalstaatsanwalt Reinhard Röttle. Auch der Chef des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, Polizeipräsident Manfred Hauser, war der Einladung gefolgt, ebenso wie Thorsten Kleinschmidt, stellvertretender Chef der Bundespolizei. Die „hochrangige Präsenz“ belege die Wertschätzung seitens der Polizei, sagte Scharbert bei seiner Begrüßung.

Dass in Rosenheim Vertreter der Anklage arbeiten, verdankt die Stadt einem Verwaltungsakt des bayerischen Justizministers: Josef Müller genehmigte 1949 eine Zweigstelle für die Amtsgerichtsbezirke Rosenheim, Bad Aibling, Haag, Prien und Wasserburg. Haag wurde 1972 im Zuge der Gebietsreform wieder einem anderen Bezirk zugeschlagen, doch die Zahl der Verfahren ist seitdem gestiegen und gestiegen. Corona habe für einen gewissen Zeitraum zwar die Zahl der Verkehrsvergehen sowie Kneipenschlägereien und Diebstähle verringert. Dafür erfreue sich der Computer seit Ausbruch der Seuche bei Kriminellen noch höherer Beliebtheit als zuvor, sagt Scharbert.

Auf gut 1500 Quadratmetern arbeiten die Ermittler und die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft. In gut 30 Büros wälzen sie Akten, machen Termine für Verhandlungen und holen Auskünfte ein. Auf der Etage der Staatsanwaltschaft hatte sich zuvor eine Zeitarbeitsfirma eingemietet gehabt. Arbeitszeit auf Heller und Pfennig abzurechnen ist den neuen Mietern fremd: Staatsanwälte können Überstunden machen, sie müssen es sogar. Abrechnen aber können sie die Extrazeit nicht.

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