Das Leben als Ganzes

von Redaktion

Interview Hubert von Goisern spricht über seine Erfahrungen

Rosenheim – Mit „Brenna tuats guat“ hat Hubert von Goisern die deutschen Charts erobert. Nun tritt der österreichische Liedermacher am Freitag, 22. Juli, auf dem Rosenheimer Sommerfestival auf. Vorab spricht er über Ängste, die heilende Kraft der Musik, und wie ihn ein Konzertbesucher in Rosenheim – auf Österreichisch gesagt – beflegelt hat.

Waren Sie schon mal in der Region?

Ich habe vor 20 Jahren in Rosenheim gespielt – ein legendäres und einzigartiges Erlebnis. Zwischen zwei Liedern habe ich eine kurze Pause gemacht und moderiert. Es war mucksmäuschenstill, die Leute sind an meinen Lippen gehangen. In diese Stille hinein hat ein Mann geschrien: „Hubert, weißt du eigentlich, dass du ein Arschloch bist?“ Das ist mir noch nirgendwo passiert. Ich bin noch immer hin und weg, dass mir eine Antwort eingefallen ist: „Ja, ich weiß es schon, aber ich weiß nicht, woher du das weißt.“ Das war wahrscheinlich dem Adrenalin geschuldet.

Und dann?

Die Bühne war beleuchtet, der Zuschauerraum dunkel. Ich wollte, dass das Saallicht angemacht wird und ich sehe, wer da zu mir spricht. Als der Fokus auf ihm lag, war er voll im Stress. Es hat sich herausgestellt, dass sich seine Freundin an diesem Tag von ihm getrennt hat. Die beiden wollten ins Konzert gehen und sie war ein großer Hubert-von-Goisern- Fan. Er war jedenfalls nicht in seiner Mitte und hat mir eh leidgetan.

Das ist ja keine gute Erfahrung.

Das mache ich nicht an Rosenheim fest. Wenn ich auf Tour bin, geschehen Dinge auf der Bühne, die überall passieren können.

Sie sind Rosenheim gegenüber also nicht negativ eingestellt?

Nein, ich freue mich schon auf das Sommerfestival. Ich hoffe auf schönes Wetter, bisher hatten wir Glück bei den Open Airs. Jeder soll seine Suppe auslöffeln, und dann wird das schon gutgehen.

Wie ist es für Sie, das Album „Zeiten & Zeichen“ auf der Bühne zu präsentieren?

Ich bin sehr froh darüber, dass ich das endlich tun kann. Obwohl es 2020 rauskam, ist es für mich noch immer ganz neu und frisch, weil es für die Leute neu und frisch ist. Ich merke das an den Reaktionen des Publikums. Sie sind sehr überrascht, was da über sie hereinbricht. Es gibt kaum Leute, die das Album gehört oder gekauft und sich damit auseinandergesetzt haben.

Stört Sie das?

Nein, ich gehe selbst gerne auf Konzerte, bei denen ich nicht weiß, was auf mich zukommt.

Welches ist Ihr Lieblingslied auf dem neuen Album?

Ich habe keines. Alle Lieder, die ich im Laufe der Jahre geschrieben habe, man verzeih‘ mir den Vergleich, sind so was wie Kinder. Natürlich gibt es Tage, an denen mir das eine Kind näher ist, weil ich mich mehr damit beschäftige oder darauf konzentriere. Aber im Grunde ist es nie gut, wenn man Präferenzen hat. Die Lieder sind durch mich auf die Welt gekommen. Ich freu‘ mich über jedes, auch wenn eines vielleicht ein kürzeres Bein im Vers oder in der Melodie hat.

Sie reisen viel. Wie beeinflusst das Ihre Musik?

Alles, was mir widerfährt und in mich hineinfließt, kommt auch wieder heraus. Ich greife die Dinge nicht aus der Luft. Alles ist eine Inspiration: Erlebnisse, Gefühle, Hoffnungen, Ängste. Die Reisen gehören dazu. Was mich beim Reisen am meisten beeindruckt oder beschäftigt, ist die Ähnlichkeit auf der Welt. Egal, in welche Kultur ich komme, alle Menschen haben dieselben Hoffnungen, Wünsche, Ängste. Wir unterscheiden uns nur durch die Sprache und die Art und Weise, wie uns die Gesellschaft aufzwingt, wie wir zu funktionieren haben. Da gibt es schon Unterschiede, aber die grundlegenden Bedürfnisse sind gleich.

Welche Wünsche meinen Sie?

Der Wunsch nach Sicherheit: ein Dach über dem Kopf zu haben, das einen vor Regen, Sturm, Kälte oder Hitze schützt. Dass man genug zu essen und zu trinken hat – nicht nur für sich selbst, auch für seine Lieben, die Familie und darüber hinaus. Man kann sich nicht wohlfühlen, wenn im Haus nebenan Menschen leiden. Wir müssen schauen, dass es nicht nur uns gut geht, sondern auch unserem Umfeld.

Und die Ängste?

Genau das Gegenteil: Angst vor Unglück, Sturm, Wetter, Hagel, Hurrikans, Katastrophen und vor bösen Menschen. Leider gibt es Personen, die sich etwas mit Gewalt aneignen. Damit meine ich nicht nur den Krieg in der Ukraine. Auch in anderen Ländern herrscht seit Jahrzehnten eine unglaubliche Gewalt, Ungerechtigkeit, Mord und Totschlag. Ich denke an den Irak, Afghanistan, Jemen und viele afrikanische Staaten wie Nigeria oder den Ost-Kongo. Die Menschen sind dort nicht sicher. Als ich ein Bub und Jugendlicher war, habe ich immer gedacht: Wenn die Kugeln pfeifen, hau ich ab. Ich opfere mein Leben für keine Heimat und kein Haus. Seit ich älter bin, denke ich ein bisschen anders darüber. Ich verstehe aber jeden, der seinen Koffer packt oder einfach nur schaut, dass er aus einer bedrohlichen Situation herauskommt.

Wie kann Musik den Menschen helfen?

Es gibt Leute, denen Musik wenig bis gar nichts bedeutet. Dann gibt es Leute wie mich und hoffentlich jeden Musiker, für die ist Musik die wichtigste Medizin überhaupt. Ich glaube, dass Musik heilende Kräfte hat, aber jeder springt anders auf ein „Medikament“ an. Musik ist dazu da, Dinge zu verknüpfen – in unserem Kopf, in unserem Körper, in unserer Seele. Sodass wir ein Gefühl fürs Ganze bekommen. Man kann sich leicht in etwas hineinbeißen. Das große Problem geht dann nicht mehr weg, weil man nichts mehr sieht. Musik macht ein Fenster zum Bewusstsein auf. Es entsteht ein Luftzug, der Gedankenmief zieht hinaus, man wird freier und kann freier assoziieren.

Wie erreichen Sie die Fans in der letzten Reihe?

Indem ich geile Musik mache. Ich spüre die Menschen bis in das letzte Eck hinein, ob in einem großen Saal oder auf einem Open-Air-Gelände. Ich spüre, wie die Aufmerksamkeit ist und wo Unruhe herrscht. Wenn wir auf der Bühne stehen, müssen wir so spielen, dass wir abheben, in den Flugmodus kommen und ein Vorbild an Intensität und Wahrhaftigkeit sind. Wir können nicht darauf warten, dass das Publikum abhebt.

Welches Erlebnis hat Sie zuletzt beeindruckt?

Ich bin seit April auf Tour. Jedes Konzert, jeder Moment mit dem Publikum, im Tourbus unterwegs zu sein, ist ein Geschenk. In den vergangenen beiden Jahren war das nicht möglich. Ich finde das Leben unglaublich beeindruckend. Gestern habe ich drei Steinpilze und ein halbes Kilo Eierschwammerl gefunden – ein Geschenk des Himmels.

Was war der beste Rat, den Sie bekommen haben?

Ich habe zwei Ratschläge von Jon Hiseman, dem ehemaligen Schlagzeuger der Rock-Band Colosseum, bekommen. Ein großartiger Schlagzeuger und ein wunderbarer Mensch. Er ist leider vor ein paar Jahren gestorben. Mitte der 80er-Jahre waren wir gemeinsam essen. Ich war damals noch nirgendwo mit meiner Karriere, deshalb habe ich Jon um Rat gefragt. „Whatever happens, never give up“, hat er geantwortet. Was immer passiert, niemals aufgeben. Wenn dir etwas wichtig ist, musst du das angreifen. Egal wie talentiert, gut ausgebildet, trainiert oder geübt du bist, es wird Rückschläge geben.

Und der zweite Rat?

Never play at a Party. Ich habe beide Ratschläge eingehalten. Ich spiele nicht auf Festen. Auf der einen Seite finde ich es gut, dass es Feiern mit Live-Musik gibt. Auf der anderen Seite geht es bei einem Fest um das Fest und nicht um die Musik. Wenn man ernsthaft Musik betreibt, müssen die Leute zuhören und du bist kein Unterhaltungsprodukt. Für mich ist Musik etwas – jetzt möchte ich schon fast sagen – Heiliges. Nebenbei geht das nicht. Es entwertet die Musik, wenn sie immer und überall nur zur Untermalung da ist.

Interview: Paula L. Trautmann

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