Lkw-Sperre: Premiere gelungen

von Redaktion

Polizei kontrolliert hunderte Fahrer an Blockabfertigungstermin

Retter der Feuerwehr befreiten einen eingeklemmten Fahrer. Foto Reisner

Rosenheim – Am Morgen krachte es auf der Inntalautobahn, nicht zum ersten Mal an einem Tag mit Blockabfertigung (siehe Infokasten). Einen Verletzten forderte der Unfall. Und wieder fragten sich die Menschen im Inntal: Was muss eigentlich passieren, bis Tirol ein Einsehen hat und auf Blockabfertigung verzichtet?

Immerhin – Bayern wehrt sich nun im Transitstreit. Und hat in Orten entlang der A8 und A93 für Lastwagen eine Durchfahrtssperre verhängt – mit Erfolg, wie es scheint.

Ministerpräsident Markus Söder hatte sich am Freitag noch nach Rohrdorf chauffieren lassen und die Maßnahme kurzfristig angekündigt. Sie sei die Antwort auf die unfreundliche Haltung von Tirols Landeshauptmann Günther Platter. Mit seinen „Dosier-Maßnahmen“ provoziert Platter seit 2017 lange Staus auf den Autobahnen der Region und schlimmen Ausweichverkehr unter anderem im Inntal. Die Bayern seien ja nicht doof, sagte Söder bei der Gelegenheit.

Ertappte Lenker
sind einsichtig

Gestern war‘s so weit. In aller Früh wurden Schilder aufgestellt, die Brummis ohne triftigen Grund – also lokalen Transportauftrag – die Durchfahrt verwehrten. In den Landkreisen Rosenheim, Traunstein und Berchtesgadener Land machte Bayern die Schleichwege dicht. Ein erster Eindruck: Lediglich bei Bad Aibling und Piding sorgte Ausweichverkehr für kleinere Rückstaus. Insgesamt sind laut Polizei die abseits der Autobahn ertappten Fahrer einsichtig gewesen. Und: Zumindest die Bewohner im Inntal dürften die Premiere auch in puncto Stressbekämpfung als Erfolg verbuchen.

Etwa Matthias Jokisch. „So wenig Betrieb war an einem Blockabfertigungstag selten“, sagt der Bürgermeister von Brannenburg. „Wollen wir hoffen, dass es so bleibt.“ Die Hoffnung teilt auch Kollege Stefan Lederwascher in Flintsbach. „Es war ruhig.“ Allerdings, so sagen beide Bürgermeister übereinstimmend, viel sagen könne man noch nicht. Noch nicht einmal, ob die Ruhe auf den Straßen der Inntalgemeinden auf die Lkw-Sperren zurückzuführen sei oder die Auf und Abs des Verkehrs. Wie schlimm sich eine Blockabfertigung auswirke, sei von Tag zu Tag anders. Erst nach einigen Tagen mit Tiroler Blockabfertigung und bayerischer Durchfahrtssperre könne man Genaueres sagen, findet auch Lederwascher. „Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Polizei weiter konsequent kontrolliert.“

„Genau das ist der Plan“, sagt Polizeisprecher Huber. Während in diesem Punkt Einigkeit besteht, deutet sich in anderen Bereichen Diskussionsbedarf an. Selbst für Ortsansässige gilt die Einschränkung, denn es ist nur Ziel- und Quellverkehr erlaubt, die Autobahn zu verlassen“, sagt etwa Georg Dettendorfer von der Spedition Johann Dettendorfer. „Wenn einer meiner Fahrer zum Tanken und für eine Pause zu uns fahren will, ist das nicht erlaubt. Da muss rechtlich noch nachgebessert werden.“

Auch über andere Aspekte besteht Uneinigkeit. Jahrelange Untätigkeit wirft Abuzar Erdogan, Fraktionschef der SPD im Rosenheimer Stadtrat, der CSU vor. Die SPD in Aising-Pang moniert, dass Rosenheim bei den Durchfahrtsverboten außen vor gelassen sei. Auch die bayerischen Grünen kritisieren die CSU. Sie sei „schuld daran, dass die Brennerroute im Verkehr erstickt“, sagte Markus Büchler, verkehrspolitischer Sprecher der Landtags-Grünen. „Die CSU hat im Bund über 16 Jahre die Lkw-Maut auf viel zu niedrigem Niveau einzementiert.“ Von „Notwehr“ sprach dagegen die Rosenheimer CSU-Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig. Es sei ein „Armutszeugnis“ der Bundesregierung, dass sie die Abfahrverbote nicht bereits auf der Autobahn erlassen habe. „Klar ist: Das Problem ist nicht gelöst. Nach wie vor liegt der Ball bei der EU. Sie muss ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Tirol auf den Weg bringen – und zwar schleunigst.“

Die Sache ist längst nicht abgeschlossen, findet auch Matthias Jokisch. Er äußert Mitgefühl auch für die Schwergewichte: „Mir tut die Blockabfertigung nicht zuletzt für die Lkw-Fahrer leid.“ Immerhin habe die Durchfahrtssperre verhindert, dass sie sich wie die Lemminge in die engen Straßen im Inntal flüchteten und dort nur noch in ein größeres Schlamassel gerieten. Auf der anderen Seite sei auch klar, dass nur an Symptomen herumgedoktert werde. „Wir werden im Gespräch bleiben müssen“, sagt Jokisch.

Diese Verhandlungen werden die Bayern bald mit einem neuen Tiroler Landeshauptmann führen. Da Günther Platter im Juni seinen Rücktritt angekündigt hat (wir berichteten), sind für 25. September Neuwahlen anberaumt. Da der nächste angekündigte Blockabfertigungstermin Dienstag, 4. Oktober, ist, war der erste Blockabfertigungstag mit bayerischer Lkw-Sperre wohl der letzte „Dosier“-Termin für Günther Platter als Tiroler Landeshauptmann.

Wegen Blockabfertigung: Kleintransporter prallt auf bremsenden Lastzug

Die Blockabfertigung gefährdet weiterhin Menschen. Gestern reagierte ein 44-jähriger Slowake zu spät und fuhr gegen 5.50 Uhr mit seinem Transporter auf einen Lkw mit Anhänger auf. Dessen Fahrer, ein 41-jähriger Serbe, hatte wegen des nahenden Stauendes zu bremsen begonnen. Der Fahrer des Kleintransporters wurde in seinem Fahrzeug eingeklemmt und musste von den Feuerwehren der umliegenden Gemeinden befreit werden. Der Rettungsdienst brachte den Schwerverletzten ins Krankenhaus. Der serbische Lkw-Fahrer blieb unverletzt. Der Schaden wird auf 20000 Euro geschätzt. Aufgrund der Bergungsarbeiten musste die A93 für etwa drei Stunden komplett gesperrt werden. Der Pkw-Verkehr wurde in Zusammenarbeit mit der Autobahnmeisterei Rosenheim an der Anschlussstelle Brannenburg ausgeleitet, die Lkw mussten auf der Autobahn bleiben. Der Unfall habe sich kaum auf das Staugeschehen ausgewirkt, teilte die Polizei mit. Dennoch: Gegen 11 Uhr erreichte der Lkw-Rückstau seine Höchstlänge von 27 Kilometern und ging somit bis vor die Anschlussstelle Rosenheim-West.

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