„Wie ein Familienangehöriger“

von Redaktion

Kampfhunde töten Ricky – Sein Herrchen will nicht aufgeben

Schechen – Der Angriff war so unvermittelt wie brutal. Ein paar Sekunden nur, dann war Rickys Leben beendet. Der kleine Hund lag in einem Wohngebiet in Schechen auf dem Gehsteig, zerfetzt von zwei Kampfhunden. Die beiden, Mutterhund und Abkömmling mit dem Namen Hel und Freya, hatten außerdem die Besitzerin des kleinen Hunds angegriffen und ihr eine klaffende Wunde am Unterarm zugefügt. Fassungslos stand Michael Spindler neben der Szene, der Vater der jungen Frau, deren Arm genäht werden musste.

Noch über vier Monate nach dem Angriff leide er unter den Bildern, sagt Spindler, der Anblick des förmlich in Stücke gerissenen kleinen Ricky gehe ihm nicht aus dem Sinn. „Sein Kopf lag fünf Meter vom Körper entfernt.“ Er und seine Tochter seien seitdem in Behandlung. „Das war schrecklich, unseren Hund so zu sehen“, sagt er. „Er war doch wie ein Familienmitglied.“

Tiere als
Serientäter?

Nicht nur, dass ihn die Bilder seines toten Yorkshire-Terriers heimsuchen – ihn quält die Frage, wie es passieren konnte, dass die Kampfhunde außer Kontrolle gerieten. Sie waren angeleint, hatten aber keinen Maulkorb an. Vor allem hätten sie nie zusammen ausgeführt werden dürfen. Schon ein Hund allein bringt ordentlich Zugkraft auf. Tatsächlich hatte die Frau, die sie ausführte – eine sogenannte Hunde-Nanny – keine Chance, den Vorwärtsdrang der zwei Muskelpakete zu bremsen.

Noch mehr interessiert ihn, warum man den Hunden überhaupt nochmals die Chance gelassen hatte, andere Hunde anzugreifen. Denn mit den beiden hatte es offenbar weitere Vorfälle gegeben. Die Schechenerin Petra Laumer wurde Zeuge, wie die beiden hinter ihr einen schwarzen Hund angriffen und verletzten. Als Hunde-Physiotherapeutin kann sie auch bestätigen, wie wichtig die Anweisung war, die beiden Tiere nicht zusammen Gassi gehen zu lassen: „Wenn Tiere zusammenkommen, verändert das nun einmal die Chemie.“

Angela Kirner wiederum war vor zwei Jahren mit Tracy, einem Labrador-Mischling, beim Spazierengehen in Schechen, als Hel und Freya zusammen mit einem dritten Hund ihren Hund attackierten und an den Hinterbeinen verletzten. „Der Tierarzt operierte fünf Stunden lang“, erzählt sie, „die 1500 Euro dafür musste ich selber zahlen.“ Sie selber sei an Mittel- und Zeigefinger verletzt worden. Vor allem war sie schockiert: „Wahnsinn, was die für eine Kraft haben.“

Wie konnten Hel und Freya erneut den Wesenstest bestehen, in dem sogenannten Listenhunden Ungefährlichkeit bescheinigt werden kann? Und warum erhielten sie dasselbe Zeugnis der Unbedenklichkeit nach dem Angriff auf Ricky erneut? „Das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand, dass die beiden Blut geleckt haben und aggressiv bleiben“, sagt Spindler.

In seinen Augen hat die Gemeinde Schechen also versagt. Und weil die beiden angriffslustigen Hunde immer noch lebten und Gefahr von ihnen ausgehe, will er am Ball bleiben. So viel ist über den Verbleib von Hel und Freya bekannt: Sie sind mittlerweile – getrennt voneinander – bei Herrchen im Landkreis Traunstein untergekommen. „Ich weiß nicht, ob es dort den Anwohnern recht wäre, wenn sie wüssten, was da für Hunde nebenan leben“, sagt er.

Spindler hatte nach Rickys Tötung die Polizei benachrichtigt. Die wiederum rief einen Hundeführer hinzu. Von- seiten der Polizei heißt es: Die Gemeinde habe ordnungsgemäß gehandelt. Das sieht auch Schechens Bürgermeister Stefan Adam so. Er habe Verständnis, wenn Spindler wegen der Hunde empört sei. „Ich frage mich, wie’s mir ginge, wenn ich so etwas mit angesehen hätte.“ Aber, so sagt er auch: „Wir sind ein Rechtsstaat.“

Was bedeutet: Es sind Hürden zu überwinden, bis man in eines Menschen Eigentum eingreifen darf. Die Gemeinde habe Auflagen erteilt, die seien erfüllt, das Frauchen von Hel und Freya habe sich seinerzeit selbst auch nichts zuschulden kommen lassen. Jetzt habe sie zugestimmt, ihre Hunde wegzugeben. Adam: „Der Vorfall ist tragisch, aber jetzt ist die Gefahr gebannt.“

Bürgermeister
wehrt sich

Wäre die Geschichte anders ausgegangen, wenn die Tiere nicht angeblich im Besitz eines bekannten Hells Angels gewesen wären? Konfrontiert mit Gerüchten, die Gemeinde habe womöglich deswegen nachsichtig reagiert, weil er gut mit den Hells Angels könne, sagt Stefan Adam: „Ganz sicher nicht. Meine Hobbys sind Bergsteigen und Motorradfahren, herumhängen mit den Hells Angels gehört nicht dazu.“

Die Hunde sind also fort, bei Bekannten der Halterin, die einen kundigen und verantwortungsvollen Eindruck machen, wie Adam beteuert. So würde nun vermutlich Gras über die Sache wachsen. Sogar das Tattoo-Studio, das Nachbarn als Stützpunkt der Hells Angels beargwöhnen, ist dem Anschein nach nach Rosenheim umgezogen. Sei auch besser so, sagt Adam, „in einer Stadt gibt‘s Laufkundschaft, in ein Wohngebiet dagegen passt es nicht.“

Michael Spindler tröstet das nicht. Ein halbes Jahr alt sei der kleine Ricky gewesen, sagt er. „Sein Leben war vorbei, bevor er‘s gelebt hat.“ Er will nun auch die Gemeinde Schechen verklagen. Wegen unterlassener Hilfeleistung.

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