Rosenheim – Die Lage in den kommunalen Krankenhäusern vor allem im gemeinsamen Rettungsdienstbezirk der Landkreise Rosenheim und Miesbach spitzt sich zu. Unter anderem Rosenheims Landrat Otto Lederer und Oberbürgermeister Andreas März sowie die Klinikgeschäftsführer von Romed und Agatharied haben aus diesem Grund kürzlich ein Krisengespräch geführt. Die aktuelle Situation ist dramatisch.“ So fasst Dr. Jens Deerberg-Wittram, Geschäftsführer des Romed-Klinikumsverbunds die Lage zusammen.
Die Konsequenz aus der personalbedingten Verschärfung der Lage der Personalknappheit aus seiner Sicht: Die Krankenhäuser sollten gegebenenfalls wie in den Hoch-Zeiten von Corona wieder zusammenarbeiten. Konkret wären das die Kliniken des Romed-Verbunds sowie Agatharied.
Mehr Entlastung
durch Kooperation
Schon in den vergangenen beiden Jahren halfen die Krankenhäuser wie auch Kliniken des Schön-Verbunds oder Medical Park einander aus. Doch diesmal geht es nicht um die Intensivstationen, wie zuvor in der Corona-Pandemie. Seinerzeit, in den ersten Wellen der Pandemie, zwangen diverse Varianten des Virus immer wieder eine Vielzahl von Menschen in die Knie, sodass sie intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Das Personal in den entsprechenden Isolierstationen der Romed-Kliniken arbeitete an der Grenze.
Seit Monaten aber hat die Corona-Variante Omikron die Herrschaft angetreten. Sie wirkt zunächst längst nicht so hart wie ihre Vorgänger, ist aber um ein Vielfaches ansteckender.
Es weisen sich mehr Patienten als vor der Pandemie selbst ein, und die treffen auch noch auf geschwächte Teams. Daher sind es jetzt die Notaufnahmen, auch in der Region Rosenheim, die SOS senden. Weil ihr Personal wegen hoher Krankenstände überlastet ist, melden sie sich nun häufiger bei der Rettungsleitstelle ab. Die Notaufnahme, die sich abmeldet, sendet ein deutliches Signal: Sie ist dann so belegt, dass sie sich nur noch um die Versorgung der Patienten kümmern kann, deren Leben im Moment in Gefahr ist. In Rosenheim war das bislang die Ausnahme, die kaum ins Gewicht falle, wie Deerberg-Wittram erläutert. Mittlerweile liegen die Abmeldungen bei nicht dringlichen Fällen bei über 20 Prozent. „Für nicht lebensbedrohliche Notfälle sind wir zehnmal häufiger abgemeldet als im ersten Covid-Jahr“, konkretisiert er. Was Selbsteinweisungen betrifft: Die Wartezeit für „normale und nicht dringliche Fälle“ sei im Durchschnitt von 28 auf 49 Minuten gestiegen, könne in Einzelfällen aber auch Stunden betragen.
Hinzu kommt ein Problem, das Notaufnahmen schon vor der Corona-Pandemie zu schaffen machte. Einfach gesagt: Nicht jeder, der in der Notaufnahme sitzt, gehört dort auch hin. Rund ein Viertel derjenigen, die dort im Wartezimmer Platz nehmen, könnten genauso gut oder besser vom Hausarzt behandelt werden, sagen Fachleute wie Dr. Michael Bayeff-Fillof, Leiter der Zentralen Notaufnahme im Romed-Klinikum in Rosenheim: „Jeder sieht sich als Notfall. Wichtig wäre, dass die Menschen wissen, an wen sie sich wenden müssen, damit das System nicht kollabiert.“
Er weiß, wovon er spricht. Kürzlich legte er eine Studie vor, die Wege gegen den Patientenstau aufzeigt. Das Ergebnis: Mit der Kombination von Triage-Systemen und Ersteinschätzungsroutinen wie in der Bereitschaftspraxis können Patienten zuverlässiger und präziser dorthin geleitet werden, wo sie aufgrund der Art und der Schwere ihrer Beschweren hingehören.
Oft ist Telefonieren
der bequemere Weg
Tatsächlich aber gingen derzeit noch viele, manchmal viel zu viele Menschen den vermeintlich einfachen Weg über die Notaufnahme, sagt Deerberg-Wittram. Der zielführende Weg hingegen führe über den Hausarzt, mahnt er. Oder über den ärztlichen Dienst der kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. An diesen KV-Dienst kann man sich auch telefonisch wenden, ohne sich zunächst überhaupt aus seiner Wohnung bewegen zu müssen. „Wahrscheinlich wissen viele aber gar nicht, dass man die 116 117 wählen kann“, vermutet Deerberg-Wittram.
Die Nachfrage senken: Das wäre das eine. In den dramatischsten Phasen der Corona-Pandemie konnten die Krankenhäuser in der Region Rosenheim und darüber hinaus auch noch zusammenarbeiten. Eine Zusammenarbeit, die damals das Gesundheitssystem in der Region vermutlich vor dem Kollaps bewahrt hat. Dafür wäre dann wahrscheinlich erneut der Krankenhaus-Koordinator Dr. Michael Staedtler zuständig. Doch hat das Umverteilen von Patienten ohnehin seine Grenzen: Notaufnahmen sind hoch spezialisierte Bereiche, deren Personal nicht einfach durch Verstärkungen aus anderen Abteilungen aufgestockt werden kann. Die Notaufnahmen der Region werden also erstmal selbst zurande kommen müssen.
Die Kollegen anderer Häuser haben dennoch Unterstützung versprochen. „Da wir keine Notaufnahme haben, unterstützen wir unsere Kolleginnen und Kollegen in der Region, indem wir im Setting unserer intensivmedizinischen Expertise Patientinnen und Patienten aus externen Notaufnahmen übernehmen und somit für ein wenig Entlastung sorgen können“, sagt Sven Schönfeld, Klinikgeschäftsführer der Schön Klinik Vogtareuth.