Rosenheim – Der Deutsche Alpenverein (DAV) will einen Anreiz setzen. Damit nicht alle Bergsteiger mit dem Auto anrollen. Wer auf sein Fahrzeug verzichtet und 90 Prozent der Anreise zur Bergtour öffentlich zurücklegt, bekommt eine Gratisübernachtung auf den DAV-Hütten. Was gut gedacht ist, hat ein Problem: Nur rund 50 der 190 DAV-Hütten nehmen bisher an der Aktion „Freie Nacht fürs Klima“ teil. Auch die Hüttenwirte der Regionen Rosenheim, Chiemgau und Berchtesgadener Land sind skeptisch. Sie kritisieren die kurze Vorbereitungszeit.
Kaum Vorlaufzeit
für die Wirte
„Die Idee dahinter ist sehr gut, aber die Vorlaufzeit war sehr knapp“, sagt Yvonne Tremml, Hüttenwirtin auf dem Brünnsteinhaus bei Oberaudorf. Erst Ende Juli sei sie über die Aktion des DAV informiert worden, sagt Tremml. Dennoch macht sie mit. Bereits seit vergangenem Wochenende können Alpenvereinsmitglieder im Brünnsteinhaus einmal kostenlos übernachten. Zumindest, wenn sie ein gültiges Ticket vorweisen können, das belegt, dass sie mit Bus oder Bahn gefahren sind. „Es war und ist viel zu tun, damit wir daran teilnehmen können. Von der Änderung der Homepage über das Einarbeiten der Mitarbeiter bis hin zur Umstellung des Kassensystems – alles in sehr kurzer Zeit“, sagt Tremml.
An- und Abreise
im Blickpunkt
Bereits im Herbst des vergangenen Jahres entschied der DAV, dass der Verein mit all seinen Sektionen und Hütten bis 2030 klimaneutral werden soll. „Man muss jetzt handeln, der Klimawandel geht zu schnell“, zeigt sich Steffen Reich, Projektleiter Klimaschutz beim DAV, besorgt. Und da laut Angaben des Alpenvereins der größte CO2-Fußabdruck beim Bergsport durch die An- und Abreise entsteht, wurde schon 2020 die Aktion „Freie Nacht fürs Klima“ ins Leben gerufen. „Es war zunächst ein Pilotprojekt mit zwei bis fünf Hütten, jetzt wollen wir nochmals einen neuen Impuls für den Klimaschutz setzen“, sagt Reich.
Dieser „Impuls“ kommt für viele Hüttenwirte in der Region allerdings zur falschen Zeit – mitten in der Hauptsaison. Deshalb gilt das Angebot in der Region bisher nur auf dem Brünnsteinhaus, der Priener Hütte bei Aschau, dem Watzmannhaus und dem Reichenhaller Haus am Hochstaufen. Dass sich nicht mehr Hütten beteiligen, liegt für Tremml daran, dass die Aktion den Wirten „zu kurzfristig“ mitgeteilt wurde und die Organisation der Aktion während des laufenden Betriebes nicht so einfach sei.
„Außerdem wissen wir nicht, ob das Angebot überhaupt jemand in Anspruch nimmt“, sagt Benni Smogavc, Hüttenwirt der Hochrieshütte. Er bezeichnet die Aktion als „bürokratisches Monster“. Deshalb könne er zurzeit noch keine Gratisübernachtung auf der Hochrieshütte anbieten. Smogavc steht zwar im Austausch mit der Rosenheimer DAV-Sektion, konkrete Pläne, so sagt er, gebe es aber noch nicht. Bisher habe sich bei ihm auch noch kein Wanderer nach der Aktion erkundigt.
Bei Tremml hingegen waren es gleich am ersten Wochenende 14 Bergsteiger gewesen, die die Anreise ohne Auto nachweisen konnten. Auch am Watzmannhaus, das schon länger an der Klimaaktion teilnimmt, ist die Nachfrage nach den Gratisübernachtungen groß. „Seit Mitte Juli waren rund 40 Leute da, die eine kostenlose Übernachtung erhalten haben“, berichtet die Hüttenfamilie Verst.
Für den Ausfall an Einnahmen der Hüttenwirte und der einzelnen Sektionen springen der Klimafonds des DAV und ein Sponsor ein. Damit die Wirte nicht auf den Kosten sitzen bleiben. Schwierigkeiten bereitet den Hüttenwirten dagegen die Kontrolle der Fahrscheine – zumindest noch bis Ende August. Da das 9-Euro-Ticket meist weniger kostet als eine Hüttennacht, könnte der eine oder andere Wanderer auf eine krumme Tour kommen: Mit dem Auto anfahren, billiges 9-Euro-Ticket vorweisen – und schon hat sich da jemand eine Gratisnacht erschlichen. Das befürchten zumindest einige der Wirte. „Wir sind uns des Schlupflochs bewusst, nehmen das aber in Kauf und hoffen auf die Ehrlichkeit der Leute. Schwarze Schafe gibt es immer“, sagt Reich. Es wäre außerdem ein Problem des DAV und nicht der Wirte, die trotzdem ihr Geld erhalten sollen.
Verlängerung
noch nicht in Sicht
Dass man mit der Aktion nicht das „ganze Klima“ retten kann, wüssten die Verantwortlichen beim DAV, sagt Reich. Es gehe mehr darum, einen Anreiz zu setzen, das Auto auch mal stehenzulassen. So sieht das auch Yvonne Tremml. „Vielleicht macht das die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schmackhafter, wenn es etwas gratis gibt“, meint sie. Es sei aber allemal eine gute Werbung dafür, dass Hütten auch ohne Auto gut zu erreichen sind. „Zu uns geht‘s ganz leicht auch mit dem Zug. Erst nach Oberaudorf und über Bayrischzell wieder nach Hause“, sagt Tremml.
Bis zum Ende des Jahres läuft die Aktion für den Klimaschutz noch. Im Herbst will der DAV darüber entscheiden, ob die „Freie Nacht fürs Klima“ im nächsten Jahr fortgeführt wird. „Wir werden schauen, wie es heuer lief, und werden dann zwischen Kosten und Nutzen der Aktion abwägen müssen“, sagt Reich.