Rosenheim – Zwei Stunden lang sind gestern Vormittag zahlreiche Arztpraxen geschlossen geblieben. Die Ärzte beteiligten sich an einem bundesweiten Protest, um auf die geplante Streichung der Neupatientenregelung durch die Bundesregierung aufmerksam zu machen. In Rosenheim beteiligten sich laut Dr. Fritz Ihler, dem Vorsitzenden des Ärztlichen Kreisverbands Rosenheim, so gut wie alle Facharztpraxen.
Die Neupatientenregelung war 2019 ins Leben gerufen worden, um Praxen zu motiviert, zusätzlich kurzfristige Termine zur Verfügung zu stellen und neue Patienten aufzunehmen. Für die Versorgung erhalten die Haus-und Fachärzte ein Extra-Honorar ohne Abschläge. Diese Regelung soll nun unter Gesundheitsminister Karl Lauterbach wieder gekippt werden.
Die Ärzte fürchten nun, dass es für zahlreiche Patienten schwieriger werden könnte, einen neuen Hausarzt zu finden. Und wenn, dann nur in Verbindung mit langen Wartezeiten. Auch die Fachärzte wären vielerorts künftig nicht mehr in der Lage, neue Patienten aufzunehmen. Die meisten Ärzte hätten sich auf die Regelung verlassen. Ihnen fehle nun die Planungssicherheit, erklärt Fritz Ihler gegenüber den OVB-Heimatzeitungen.
Die Praxis von Dr. Nikolaus Klecker in Rosenheim beteiligte sich am Montag ebenfalls für eine Stunde an dem Protest. Klecker, Oberbayerns Bezirksvorsitzender im Bayerischen Hausärzteverband, sieht mit dem Wegfall der Regelung große Probleme auf die Fachärzte in der Region zukommen, um neue Patienten unterzubringen. Schon jetzt seien viele Fachärzte völlig überlastet und an ihren Grenzen. Bei Fachärzten wie beispielsweise Dermatologen könne es durchaus ein halbes Jahr dauern, bis die Patienten einen neuen Termin bekämen.
Hier sieht Klecker aber auch ein Problem im deutschen Gesundheitssystem. „Viele Patienten rennen 15- bis 18-mal im Jahr zu einem Arzt. In anderen Ländern sind es drei- bis fünfmal.“ Die deutschen Patienten seien verwöhnt, so Klecker. Viele Arzt- oder sogar Besuche in der Notaufnahme seien schlicht nicht notwendig. Diese unnötigen Arztbesuche würden ihren Teil dazu beitragen, dass besonders die Fachärzte über ihren Kapazitäten arbeiten. Das System in Deutschland werde von vielen ausgenutzt, und es bestehe keine Aussicht auf Besserung, meint Nikolaus Klecker.Martin Lünhörster