Traunstein/Waldkraiburg/Rosenheim – Die Freundschaft mit der Tochter war vorgeblich der Anlass für regelmäßige Besuche eines 13-Jährigen bei einem 56-jährigen Busfahrer in Waldkraiburg. Tatsächlich soll der Mann den Buben, wie zwei weitere Opfer, an Wochenenden massiv sexuell missbraucht haben. Die Mutter des Buben zitierte gestern im Prozess der Jugendkammer Traunstein gegen den Angeklagten die angstvollen Worte ihres Sohnes: „Der bringt mich um.“ Die Hauptverhandlung wird am 2., 8., 9., 23. und 29. November sowie am 2. und 6. Dezember jeweils um 9.30 Uhr fortgesetzt.
Buben mit Geschenken geködert
Die Anklageschrift listet vielfachen schweren sexuellen Missbrauch von Kindern und Vergewaltigungen auf. Die drei Schüler im Alter von anfangs neun bis 13 Jahren hatte er als Linienbusfahrer im Landkreis Rosenheim kennengelernt. Die Kinder beispielsweise mit Gratisbusfahrten oder Geschenken geködert und später unter üblen Drohungen wie mit der „Mafia“ oder dem Umbringen der Eltern und Geschwister zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben, hatte der Angeklagte bei Verhandlungsauftakt der Jugendschutzkammer mit Vorsitzender Richterin Heike Will zurückgewiesen. Die Buben seien ständig auf ihn zugekommen, hätten ihn quasi belästigt mit ihren Problemen. Angetan habe er keinem der Jungen je etwas, hatte der 56-Jährige mit Pflichtverteidiger Andreas Knoll aus Waldkraiburg zur Seite beteuert, von „Lügen“ gesprochen, ein „Komplott“, eine „Falle“ vermutet.
Vater sprach Kontaktverbot aus
Nach den ersten Zeugenaussagen ergibt sich ein anderer Eindruck. In Bewegung geraten war das Verfahren im Juli 2021. Der Busfahrer wollte den 13-Jährigen an jenem Freitag mit seinem Privatwagen zu Hause abholen. Der Vater untersagte dem 56-Jährigen am Nachmittag, den Buben ein weiteres Mal über das Wochenende mitzunehmen, erteilte ein ausdrückliches Kontaktverbot und notierte sich das Autokennzeichen des Mannes. Dass der Sohn doch eingestiegen war, bemerkte zunächst niemand.
Als er dann entgegen der Vereinbarung um 22 Uhr nicht zu Hause auftauchte und Anrufe auf dem Handy offenbar wegdrückte, verständigten die Eltern die Polizei. Beamte gaben ihnen die Adresse des 56-Jährigen. Mutter und Vater machten sich sofort auf den Weg und erfuhren unterwegs, dass ihr Sohn beim Angeklagten gefunden worden sei. Kurz darauf erfolgte die Festnahme des Busfahrers.
Die Eltern brachten den Buben dem Rat der Polizei folgend heim. Er war sichtlich völlig erschöpft und zog sich in sein Zimmer zurück, wie sich die Mutter gestern erinnerte. Wenig später erfolgte ein weiterer Anruf der Polizei mit der Bitte, dem 13-Jährigen sein Handy abzunehmen. Die Eltern berichteten gestern, der Sohn habe protestiert und das Telefon nicht hergeben wollen – mit der Begründung, sonst werde er umgebracht. Reden über das ganze Geschehen wollte er nicht.
Am Montag darauf wurde der Bub von der Kripo Mühldorf vernommen. Der Inhalt der Aussage floss – zusammen mit den späteren Angaben der mutmaßlichen weiteren Opfer – in die Anklageschrift ein. Rechtsmediziner untersuchten den 13-Jährigen.
Nächtliche
Albträume
Nach den Worten der Mutter musste er psychologisch betreut werden. Die Mama informierte unter den Folgen für den Sohn: „Er hatte nachts Albträume und weinte. Er konnte nur mit Licht schlafen. Er schrie: Mama, ich wurde vergewaltigt.“ Zwischendurch sei es dem Sohn etwas besser gegangen. Im Vorfeld des Prozesses habe sich sein Befinden wieder verschlechtert, betonten die Eltern übereinstimmend.
Unter den weiteren Zeugen war gestern der Arbeitgeber des Angeklagten. Auch das Diensthandy des 56-Jährigen spielt eine Rolle in dem Verfahren. Der Chef meinte, Beschwerden von Fahrgästen gegen den Busfahrer habe es nicht gegeben. Dieser habe nichts erzählt von irgendwelchen „Belästigungen“ durch Kinder. Davon hatte der 56-Jährige am ersten Verhandlungstag gesprochen.
Opfer sagen per Videotechnik aus
Wie früher schon die Polizei, setzte auch die Jugendkammer bei der gestrigen Anhörung des jungen Nebenklägers Videotechnik ein. Er musste dem Angeklagten nicht persönlich gegenüber treten. Die Öffentlichkeit wurde ausgeschlossen. Die weiteren mutmaßlichen Opfer werden an den nächsten Verhandlungstagen auf die gleiche Weise ihre Erlebnisse schildern.
Die Interessen der drei Buben vertreten die Opferanwältinnen Susanne Schomandl aus Rosenheim und Dr. Gabriele Schöch aus München.