Die geschenkte Stunde

von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

In meiner Küche singt jede Stunde ein anderer Vogel. Pfeift zum Beispiel um 12 Uhr der Pirol, ist es Zeit zum Mittagessen. Um 15 Uhr meldet sich dann die Mönchsgrasmücke und um 18 Uhr die Nachtigall. Das Geheimnis liegt in einer mir über die Jahre sehr lieb gewordenen „Vogeluhr“ an der Wand, deren täglich wiederkehrende Töne ich mittlerweile auch innerlich abgespeichert habe. Vor ein paar Tagen sind meine Vögel wieder durcheinandergekommen. Nach dem Zurückdrehen der Uhr auf die Winterzeit singen sie jetzt wieder korrekt zur richtigen Stunde. Zweimal im Jahr muss ich das eben von Hand einstellen. Mit meinem Terminkalender wird mir immer auch die pünktliche Einhaltung von vielen Zeitvorgaben auferlegt. Manchmal empfinde ich das als furchtbar einengendes Korsett, das mich jeden Tag neu unter Druck setzt. Dann mache ich mir aber bewusst, dass das Einhaltenmüssen der Uhrzeit daher kommt, dass ich mit vielen wunderbaren Menschen zusammenleben und arbeiten darf. Es ist unsere gemeinsame Zeit, die kostbare Begegnungen schenkt und das Leben damit reich macht. Genau dann gibt es auch diese Momente, in denen man die Uhr „für eine Zeit“ vergessen darf. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Die fröhlich pfeifenden Vögel in meiner Küche erinnern mich jede Stunde daran, dass wir von Gott eigentlich für die Freude geschaffen sind. Eine „zusätzliche“ Stunde Zeit ist uns so nicht nur bei der Umstellung auf die Winterzeit geschenkt, sondern jeden Tag, wenn wir ein paar Minuten innehalten und in der Stille die Gegenwart Gottes spüren können.

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