Nicht an der falschen Stelle sparen

von Redaktion

Experten aus Region Rosenheim warnen vor Legionellen im Trinkwasser

Rosenheim – Bei den stark gestiegenen Energiepreisen und den fallenden Temperaturen stellt sich bei vielen Menschen die Frage, wie stark im kommenden Winter geheizt werden soll. Gilt es doch, einen Spagat zwischen Sparsamkeit und Gemütlichkeit in den eigenen vier Wänden zu finden. 

Zu sparsam zu sein, kann aber auch zu unerwarteten Gefahren für die eigene Gesundheit führen. Denn ab einer gewissen Wassertemperatur steigt die Gefahr, dass sich Keime im Leitungsnetz ausbreiten.

Auf unterschiedliche
Temperaturen achten

Hier müsse aber klar zwischen Heizungstemperatur und Warmwassertemperatur unterschieden werden, sagt Alexander Achatz, der Geschäftsführer der Wassertechnik Kompakt GmbH in Rechtmehring, auf OVB-Anfrage. Seine Firma hat sich zudem auf die Testung des Leitungswassers auf Legionellen spezialisiert. Die Heizungstemperatur selbst habe indes keine Auswirkungen auf das Wachstum bestimmter Keime, wie beispielsweise Legionellen. Sehr wohl allerdings die Temperatur des Trinkwassernetzes. Die sollte nicht unter 60°C liegen. 

Eine gewisse Temperatur in den Wasserleitungen ist für einen ungefährlichen Betrieb notwendig. In einem Temperaturbereich von 20°C bis ca. 55°C fühlen sich Bakterien, insbesondere Legionellen, ganz besonders wohl und vermehren sich stark. Legionellen sind Bakterien, die in geringer Menge ganz natürlich im Oberflächen- und im Grundwasser vorkommen.

Laut dem Umweltbundesamt sind Legionellen für bis zu 30000 Erkrankungen jährlich in Deutschland verantwortlich. 1500 bis 2000 davon verlaufen tödlich, meist in Folge einer Lungenentzündung, auch Legionellose oder Legionärskrankheit genannt. Die kann durch das Einatmen von legionellenhaltigen Wassertröpfchen entstehen.

Damit sind Legionellen laut dem Umweltbundesamt die mit Abstand relevantesten Umweltkeime, vor denen es die Bevölkerung zu schützen gilt. Die Temperatur, die im Leitungsnetz herrscht, liegt teils deutlich unter 20°C. Das ist kalt genug, um ein Bakterienwachstum zu verhindern. Die Temperatur des Wassers erhöht sich dann erst in den Gebäuden, wenn es in die Wassererhitzer kommt.

Was es umso gefährlicher macht: Einfach so sind Legionellen im Wasser kaum festzustellen. Das sagt Gerhard Hardrath, der Innungsobermeister für Spengler-, Sanitär- und Heizungstechnik (SHK) in der Region Rosenheim. Dafür seien Testungen notwendig. Sollten Legionellen festgestellt werden, sei unverzügliches Handeln für eine Desinfektion erforderlich.

Die deutsche Trinkwasserverordnung (TrinkwV) sieht regelmäßige Tests vor. Hier gilt gar eine Untersuchungspflicht. Öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten unterliegen einer jährlichen Untersuchungspflicht. Gebäude, die gewerblich genutzt werden, und hierunter fallen auch vermietete Wohnungen und Büros. Sie müssen alle drei Jahre getestet werden.  Diese Tests werden sowohl von darauf spezialisierten Firmen als auch von den Rosenheimer Stadtwerken angeboten.

Die Tests laufen folgendermaßen ab: Zur Beurteilung werden gleichzeitig mehrere Trinkwasserproben genommen. Diese Proben werden sowohl direkt am Trinkwassererwärmer als auch am weitesten vom Erwärmer entfernten Wasserhahn entnommen. Diese Proben werden dann von einem Labor auf die Konzentration von Legionellen untersucht. Bis zu einem Wert von 100 sogenannten koloniebildenden Einheiten (KBE) ist das Wasser unbedenklich zu nutzen.

Im Falle eines positiven Ergebnisses meldet das prüfende Labor die Ergebnisse automatisch an das zuständige Gesundheitsamt weiter. Der Unternehmer oder Inhaber des Gebäudes hat zudem die Verbraucher zu informieren und in Verbindung mit dem Gesundheitsamt das weitere Vorgehen abzustimmen.

Eine Vorbeugung ist laut SHK-Obermeister Gerhard Hardrath durch die sogenannte thermische Desinfektion möglich. Die sei durch einen ordnungsgemäßen Betrieb gewährleistet, also dass das Wasser im Netz nicht unter die Marke von 60 Grad fällt. Hierfür sollte die Zirkulationspumpe der Warmwasserleitung im Haus durchlaufen. Sollte hier an der Temperatur gespart werden, wäre dort ein legioneller Brutherd unausweichlich. „Die Trinkwasserverordnung kennt keine Energieeinsparverordnung”, sagt Hardrath weiter. Die Gesundheit müsse immer vor dem Sparen liegen.

Besonders gefährlich sind Legionellen insbesondere für vulnerable Gruppen. Für gesunde Menschen seien das Trinken und der direkte Kontakt mit einem mit Legionellen kontaminierten Wasser indes unbedenklich. Erst das Einatmen von Aerosolen könne zu Erkrankungen führen. 

In der Region Rosenheim kommt es den Experten zufolge immer wieder zu einem Befall mit Legionellen. Ein erhöhtes Aufkommen von Legionellen wegen aktuell gesenkter Temperaturen ist indes weder Gerhard Hardrath noch Alexander Achatz bekannt. Dafür sei der Zeitraum bisher auch zu kurz gewesen, um einen möglichen Anstieg an Keimbelastungen festzustellen, ergänzt Hardrath.

Regelmäßige
Wartung

Die beste und vernünftigste Vorsorge sind nach den Worten der beiden Experten regelmäßige Wartungen am Leitungsnetz des Trinkwassers. Diese Wartungen blieben aber oft hinten dran, sagt Achatz weiter. Es komme allerdings immer häufiger dazu, dass auch Trinkwasseranlagen gewartet werden. Hierfür brauche es aber Fachfirmen, die sich auf die Wasserhygiene spezialisiert hätten. 

Bei allem Sparwillen sind sich beide Experten einig: Die Temperatur des Leitungswassers sollte unangetastet bleiben – denn das kann ganz klar gesundheitsgefährdend werden.

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