Soyen – Samstagabend, 18 Uhr. Ein 52-Jähriger aus Soyen will mit seinem Opel noch schnell den Bahnübergang Seeburg überqueren. Der Bahnübergang ist unbeschrankt. So liegt es im Ermessen des Fahrers, ob er eine Querung als sicher einstuft. Der 52-Jährige entscheidet sich für die Überquerung – und wird beim Einfahren auf den Bahnübergang von einem aus Rosenheim kommenden Regionalzug der Südostbayernbahn gerammt. Nach der Kollision wird das Auto etwa 100 Meter mitgeschleift.
Jede Hilfe kommt
zu spät
Die rasch am Unfallort eintreffenden Rettungskräfte, Feuerwehren, THWler und Hilfsdienste tun ihr Bestes. Sie können den Mann jedoch nicht mehr retten. Er stirbt noch an der Unfallstelle. Der Lokführer erleidet einen schweren Schock. Den acht Passagieren in der Regionalbahn passiert zum Glück nichts. An Zug und Auto entsteht ein Gesamtschaden von rund 100000 Euro. Die Zugstrecke muss für die Aufräumarbeiten acht Stunden gesperrt werden.
Soweit, so nüchtern der Unfallbericht vom Wochenende. Das tragische Unglück wäre möglicherweise zu verhindern gewesen, hätte der Bahnübergang Seeburg schon eine Schranke gehabt. Laut Angaben der Gemeinde hatte die Bahn von 28. Oktober bis 4. November Bauarbeiten an den zwei der drei bis dahin unbeschrankten Bahnübergänge in Soyen durchführen wollen: Buchsee und Seeburg sollten jeweils mit Halbschranken nachgerüstet werden. In Seeburg scheint das offensichtlich nicht geschehen zu sein. Ein Mitarbeiter der Polizeiinspektion Wasserburg erklärt auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen: „Wenn wir im Polizeibericht von ,unbeschrankt‘ sprechen, war auch keine Schranke da.“
2019 hatte am Übergang Seeburg die Trockenrasen-Knotenameise geplante Bauarbeiten an einer Beschrankung im wörtlichen Sinne untergraben. Das maximal fünf Millimeter große Insekt gilt als Wirt des „Hellen Wiesenkopf-Ameisenbläulings“. Dieser Schmetterling steht auf der Roten Liste als „stark gefährdet“. Damit konnte das bei Seeburg gefundene Ameisenvolk nicht einfach weggebaggert werden. Eine Umsiedlung hätte drei Jahre Zeit in Anspruch genommen. Deshalb beschlossen die Planer der Bahn, den Standort des Schalthäuschens für die Schrankenanlage zu verlegen.
Soyens damaliger Bürgermeister Karl Fischberger zeigte sich darüber sehr verärgert. Er habe sich seinerzeit intensiv vor Ort umgesehen und sogar in der Erde gegraben: „Ich habe keine Ameise gefunden. Was ist das für ein Naturschutz, der zu derartigen Blockaden führt?“
Die Gemeinde Soyen wird von der Bahnlinie Rosenheim-Mühldorf regelrecht durchschnitten. Von acht Übergängen für Fahrzeuge waren im Jahr 2019 nur drei beschrankt. An den Bahnübergängen kam es in den vergangenen zwei Jahrzehnten ungewöhnlich häufig zu schweren Unfällen zwischen Zügen und Autos. Im Jahr 2019 hatte sich die Zahl der Todesopfer an Soyens Bahnübergängen bereits auf sechs summiert.
Dass dringend etwas passieren muss in Sachen Sicherheit, war spätestens seit Mai 2007 allen Soyenern schmerzlichst bewusst. Damals hatte am frühen Samstagmorgen der 28-jährige Fahrer eines Milchtanklastwagens den Bahnübergang Mühlthal überqueren wollen. Der Übergang war unbeschrankt, aber zumindest mit einer Blinkanlage ausgestattet. Es kam dennoch zum Zusammenstoß zwischen Zug und Lastwagen. Der Lkw-Fahrer starb, 30 Zugfahrgäste, die an diesem sonnigen Maisamstag zu einem Ausflug in die Berge unterwegs waren, erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Der Sachschaden betrug eine halbe Million Euro. Der Bahnübergang wurde zerstört und war seitdem gesperrt.
Eine Unterschrift
hat gefehlt
Wenigstens in Mühlthal hat die Gefahr 2020 ein Ende gefunden. Hier wurde 13 Jahre nach dem schweren Unglück eine Brücke eingeweiht. Der unbeschrankte Ersatz-Übergang Hörgen wurde geschlossen. Hier war im Februar 2016 ein 34-jähriger Autofahrer aus Gars nach einem Zusammenstoß mit einem Zug gestorben. Der Mercedes des Mannes wurde damals 250 Meter vom Zug mitgeschleift. 25 Zuginsassen wurden verletzt. Auch hier gab es eine funktionierende Lichtanlage zur Warnung vor nahenden Zügen. Auch hier war diese nicht genug, um den Unfall zu verhindern.
Soyens Bürgermeister Karl Fischbacher sagte damals: „Ein Toter ist immer ein Toter zu viel, aber dieser Unfall hätte verhindert werden können.“ Damals befand sich die Gemeinde schon in einem schier endlosen Papierkrieg mit Bahn und Behörden, um die Bahnübergänge sicherer zu machen. Am fehlenden Geld lag es seinerzeit nicht, obwohl jeder nachgerüstete Bahnübergang mit rund 900000 Euro Kosten beziffert war, die auf Bahn, Bund und Gemeinde gedrittelt verteilt werden.
Es lag damals an einer seit drei Jahren fehlenden Unterschrift einer externen Behörde. Insgesamt haben seit 2007 nun sieben Menschen an Soyens unbeschrankten Bahnübergängen ihr Leben verloren.