Rosenheim/Mühldorf – Da liegen sie, zwischen Schläuchen, Kabeln und Monitoren, in ihren 37 Grad warmen Hightech-Bettchen: Amelie, 930 Gramm; Johannes, 740 Gramm; und Leonie, 540 Gramm – drei kleine, so zerbrechliche und noch nicht einmal halbfertige Wunder der Natur, am Leben dank modernster Intensivmedizin.
Was die drei Frühchen jetzt aber ebenso dringend benötigen wie den Inkubator oder die Magensonde, das sind möglichst viele Streicheleinheiten von ihren möglichst entspannten Mamas und Papas. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass körperliche Nähe und Hautkontakt für die Gesundheit und Entwicklung der kleinen Frühstarter von enormer Bedeutung sind.
Aber wie soll man mit Babys kuscheln, die derart verkabelt und intubiert an der Beatmungsmaschine hängen? Und woher sollen die Eltern der Frühchen bloß die Kraft, Ruhe und Gelassenheit hernehmen – ausgerechnet jetzt, in diesem emotionalen Ausnahmezustand?
Nach dem Schock kommt die Angst
Die Antworten auf diese Fragen kennt Oberarzt Dr. Wolfgang John, Leiter der Neonatologie im Perinatalzentrum des Rosenheimer Romed-Klinikums, wie kaum ein Zweiter. Nach fast 40 Jahren seines Wirkens im Haus könnte er über die Prinzipien und Möglichkeiten der Neonatologie, vor allem bei Frühgeborenen an der Grenze der Überlebensfähigkeit, wohl mehrere Bücher schreiben.
„Moderne Medizin für Früh- und Neugeborene wäre ohne einen umfassenden Einsatz von technischen und apparativen Hilfsmitteln nicht denkbar“, sagt er. Aber das sei nur die eine Seite: „Wie wichtig darüber hinaus die Einbindung der Eltern in die Behandlungsabläufe und die Pflege ihres Kindes ist, kann man gar nicht genug betonen, da diese die Weichen für den optimalen Behandlungserfolg stellt.“
Die Kunst liegt laut John darin, den kleinen Patienten und ihren Eltern trotz aller Technik einen Raum für Privatsphäre, Vertrauen und Geborgenheit zu schaffen, in dem eine möglichst ungestörte Bindung zwischen Eltern und Kind wachsen kann.
Als elternbegleitende Kinderkrankenschwester kennt Andrea Riepertinger, auch sie ist schon seit Jahrzehnten dabei, die Sorgen und Nöte der Eltern genau – ebenso wie das gesamte pflegerische Team der Station. Nach dem ersten Schock kommt die Angst, dann die Ohnmacht: das unerträgliche Gefühl, nichts tun zu können, während das eigene Kind im Inkubator, im „Brutkasten“, liegt – eine Handvoll Hoffnung, dem Schicksal und dem Gerätepark der Hightech-Medizin ausgeliefert.
Die ständige Angst um ein Baby, das noch zu klein zum Schlucken, Saugen und Atmen ist, kann den Vätern und Müttern niemand nehmen, das Gefühl der Hilflosigkeit aber schon. „Die Eltern spielen die Hauptrolle in der Pflege ihrer Kinder, auch in der Klinik. Sie sind in die Behandlung involviert, sollen die Kinder baden, beruhigen, wickeln, eincremen und vor allem viel Haut-an-Haut-Kontakt haben“, sagt Andrea Riepertinger. Baby-Bonding oder Känguru-Methode wird diese Kuscheltherapie für die Kleinsten auch gern genannt, die elternbegleitende Schwester sorgt dafür, dass sich Eltern und Kinder auf der Rosenheimer Neonatalogie-Station so oft wie möglich spüren und riechen können.
Mithilfe der Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ sollen nun vier geschmackvoll eingerichtete Eltern-Zimmer und ein Aufenthaltsraum geschaffen werden, zum Entspannen, Schlafen oder Ablenken, gleich neben der Perinatalstation. John und Riepertinger: „So könnten die Mütter und Väter ihren Kindern nah sein, Kraft schöpfen, zur Ruhe kommen – und der Kuschelfaktor für unsere kleinen Patienten würde sich deutlich erhöhen.“
Drei vollendete Wunder der Natur
Und Amelie, Johannes und Leonie? Sie sind schon längst keine halbfertigen Wunder der Natur mehr. Geboren 2016, haben sich alle drei zu gesunden Kindern entwickelt und stehen damit für einen erfreulichen Trend: Der Anteil der ehemaligen Frühchen, die ein Entwicklungsproblem oder Handicap haben, ist in den letzten Jahren konstant zurückgegangen – die Kombi aus moderner Medizin und menschlicher Wärme macht’s möglich.
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