Wasserburg – Seit jeher bin ich eine Leseratte. In meiner Kindheit und Jugend habe ich unzählige Bücher verschlungen, daher kommt meine Berufswahl als Redakteurin bei der Wasserburger Zeitung nicht von ungefähr. Lesen ist Hauptbestandteil meines Berufs: Egal, ob E-Mails, Texte oder eigene Artikel, Redakteure sind praktisch immer am Lesen und Schreiben.
Deshalb habe ich mich sehr über die Einladung des Wasserburger Luitpold-Gymnasiums gefreut, als Jurymitglied beim Vorlesewettbewerb der 6. Klassen teilzunehmen. Doch schnell wird klar: Lesen ist nicht gleich Vorlesen. Die Kinder haben wirklich Mut. Vorgelesen wird in der großen Aula vor viel Publikum. In der Mitte der Bühne steht ein einzelner Tisch mit Mikrofon und Spotlight, an dem die Teilnehmer ihre Texte vortragen. Dahinter sitzt die sechsköpfige Jury, bestehend aus Ingrid Staar, Mitglied im Elternbeirat, Hildegard Wimmer, Inhaberin der Buchhandlung Fabula, Schulleiterin Verena Grillhösl, Oberstudienrätin Angela Lipsky, Schüler Finn aus der Q11 und mir.
Völlig neue Situation
für die vier Schüler
Die Situation ist für die Kinder völlig neu. Geübt wird ja im Klassenzimmer – ohne Mikrofon, Licht, Publikum und Jury im Nacken. Die Schüler sind jetzt beim entscheidenden Auftritt sichtlich aufgeregt, ich bin es aber genauso. Nie im Leben hätte ich mich in diesem Alter in der 6. Klasse getraut, vor einem so großen Publikum aufzutreten und einen Text vorzutragen. Da wäre ich vor lauter Lampenfieber schweißgebadet gewesen. Jetzt sitze ich in der Jury – und fühle mit den Kindern mit. Wird es mir als Jurorin gelingen, richtig zu urteilen und fair zu bewerten?
Hut ab vor Simon Pollety aus der 6a, der auch noch den Anfang machen muss. Ruhig steht der Bub mit dem Lockenkopf von seinem Platz auf und setzt sich an das Pult. Seine Mitschüler feuern ihn kräftig an. Dann wird es still im Saal. Simon schlägt sein Buch auf, blättert zur richtigen Seite und fängt mit fester Stimme an zu lesen. Seine gewählte Passage stammt aus „Eliot und Isabella und die Abenteuer am Fluss“. Er hat rund drei Minuten Vorlesezeit. Von Aufgeregtheit keine Spur. Ich spicke auf meinen Bewertungsbogen, den ich vorher bekommen habe. Was ist alles zu beachten? Es gibt drei Kategorien: Lesetechnik, Interpretation und Auswahl der Textstelle. Für jedes Kriterium gibt es bis zu fünf Punkte zu vergeben. Zu berücksichtigen bei der Bewertung ist unter anderem: Wird sicher und flüssig gelesen? Ist das Lesetempo angemessen? Macht der Vorleser genug Pausen? Ist der Vortrag lebendig? Bekommt die Handlung durch die passende Betonung Ausdruckskraft und Dynamik? Ist die ausgesuchte Textpassage schlüssig, sind Anfang und Ende sowie Zusammenhänge verständlich? Weckt der ausgewählte Abschnitt Interesse am Buch? Gar nicht so einfach, alles im Blick zu behalten. Nach Simon Pollety kommt Antonia Bachmaier mit „Mein Lotta-Leben. Da lachen ja die Hunde“ an die Reihe, gefolgt von Leonie Schrems mit „den Chroniken von Narnia – Der König von Narnia“ und Jonah Fuchs, der sich für „Password – Zugriff für immer verweigert“ entschieden hat. Alle vier lesen verständlich, flüssig und lebendig vor. Hier wird mir schon klar: Es wird schwierig, einen Sieger zu finden.
Nach der ersten Runde müssen die Kids einen sogenannten Fremdtext vorlesen, also eine Passage aus einem Buch, das die Teilnehmer nicht kennen. Die Wahl fällt auf „Die Duftapotheke“, ein beliebtes Buch bei Kindern, wie Hildegard Wimmer, Inhaberin der Buchhandlung Fabula, weiß. Beim Vortragen fällt auf: Die Schüler lesen praktisch fehlerfrei und deutlich langsamer als bei den selbst ausgewählten Texten, die sie vorbereitet haben.
Nach dem Lesen ziehen wir Jurymitglieder uns zurück und diskutieren: Wer hat seine Sache am besten gemacht? Wer hat verständlich und lebendig erzählt? Welcher Text hat wem am besten gefallen? Obwohl alle Teilnehmer die Aufgabe gut erledigt haben, sind sich die Juroren schnell einig: Simon Pollety hat sich durchgesetzt. Die Jury kommt zurück in die große Aula, alle warten gespannt – allen voran natürlich die Teilnehmer. Dann die große Verkündung: Simon hat gewonnen. Die Kids im Publikum, vor allem die der 6a, brechen in riesigen Applaus aus, klatschen und jubeln.
Alle Teilnehmer
echte Gewinner
Der Sechstklässler freut sich ebenso und nimmt seine Urkunde und seinen Preis entgegen. Aber auch die anderen Teilnehmer gehen nicht leer aus: Sie dürfen sich ein Buch aussuchen, gestiftet von der Buchhandlung Fabula. Danach geht es, nach dem Siegerfoto und einer kurzen Ansprache von Schulleiterin Grillhösl, zurück in die Klassen. Simon Pollety nimmt als Gewinner teil am Bezirksentscheid.