Missbrauchsskandale überschatten Wirken

von Redaktion

Protestwelle und Kirchenaustritte: Gutachten stellt auch die Region vor große Fragen

Traunstein/Rom – Als erster deutscher Papst seit 500 Jahren, als großer Denker, als Mann, der vom Papstamt zurücktrat: Für vieles wurde Benedikt XVI. bewundert. In den restlichen Jahren seines Lebens legten jedoch die Missbrauchsskandale einen dunklen Schatten auf sein Wirken. Vor allem seine Heimatstadt Traunstein litt unter den neuen, verstörenden Meldungen über diesen bayerischen Papst, der so vielen ans Herz gewachsen war: Wie damit umgehen?

Sturm der
Entrüstung

Offensichtliche Falschaussagen und problematische Äußerungen des früheren Münchner Erzbischofs Joseph Ratzinger im Missbrauchsgutachten des Erzbistums München und Freising sorgten überregional für einen Sturm der Entrüstung. Die Kirchenaustritte schnellten in die Höhe.

Sollte ihm seine Heimatstadt die Ehrenbürgerwürde aberkennen, sollten Straßen und Plätze, die seinen Namen tragen, umbenannt werden? Zur Gesamtbetrachtung wurde dafür eigens eine Kommission eingesetzt. Das aus sechs Personen im Auftrag von Stadt und Landkreis Traunstein, der Stadt Tittmoning und der Gemeinde Surberg gebildete Gremium hat sich fünfmal getroffen. Dabei sei das „private Gutachten“, das im Auftrag der Erzdiözese München und Freising von einer Anwaltskanzlei erstellt worden sei, ebenso erörtert worden wie die Frage, was Betroffene sexuellen Missbrauchs über Ehrungen des emeritierten Papstes dächten.

„In der Kommission bestand in der Gesamteinschätzung Einigkeit darüber, dass derzeit kein Handlungsbedarf in Bezug auf vorgenannte Ehrungen hinsichtlich Papst Benedikt XVI. besteht“, heißt es in dem vom Landratsamt Traunstein veröffentlichten Abschlussbericht des Gremiums.

Der Protest verhallte jedoch nicht: Die Grüne Jugend Traunstein regte mit einer Zitatstele gegenüber der Gedenkbüste für den ehemaligen Papst in Traunstein zu heftigen Diskussionen an. Und der emeritierte Papst wurde noch Mitte Dezember 2022 angeklagt: Ihm wird zum Beispiel vorgeworfen, den Wiederholungstäter Priester H. trotz Missbrauchsvorwürfen in den Pfarrdienst geholt zu haben. Benedikt XVI. hatte die Vorwürfe immer abgestritten. Die Rolle, die Ratzinger im Fall Priester H. spielte, sollte im kommenden Jahr eigentlich das Landgericht Traunstein beschäftigen. Dort hat ein Betroffener Klage eingereicht gegen den mutmaßlichen Täter H., das Erzbistum München und Freising und die früheren Bischöfe Kardinal Friedrich Wetter und eben Ratzinger. In der Klage geht es darum, festzustellen, inwiefern Bistumsverantwortliche Schuld auf sich geladen haben. Eine Sprecherin des Landgerichts Traunstein erklärte nun allerdings, dass die Klage gegen Benedikt XVI. nicht mehr verhandelt werde. „Da wir nicht das Jüngste Gericht sind, wäre das Verfahren dann im Hinblick auf ihn erledigt“, wird die Sprecherin zitiert.

Monsignore Dr. Thomas Frauenlob kennt Papst em. Benedikt XVI. seit über 40 Jahren. Frauenlob war lange Zeit in Traunstein Direktor des Studienseminars und hat sieben Jahre lang in Rom beim Heiligen Stuhl gearbeitet. Der Leiter des Berchtesgadener Pfarrverbands verwies etwa im Gespräch mit unserer Zeitung darauf, dass Papst Benedikt XVI. 2005 in seiner Kreuzwegmeditation angesichts seines Wissens als Präfekt der zuständigen Glaubenskongregation schonungslos vom „Schmutz in der Kirche“ durch Priester gesprochen habe.

Grauen und
Beschämung

Als Papst habe er sich in Washington erstmals mit Missbrauchsopfern getroffen, sich dem Grauen und der Beschämung ausgesetzt und in vielen Ansprachen und Schreiben diese schreckliche Wirklichkeit benannt und sich entschuldigt.

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