Wimmerndes Baby im Hof gefunden

von Redaktion

Ein Neugeborenes, eingewickelt in eine Decke, in einem Hinterhof der Bahnhofstraße in Rosenheim abgelegt – der Fund am gestrigen Donnerstag sorgt für große Bestürzung. Die gute Nachricht: Das Baby lebt. Doch von der Mutter fehlt jede Spur.

Rosenheim – Der Schock bei Franz Reindl sitzt tief. Er ist der Eigentümer des Hotels „Wendelstein“ an der Bahnhofstraße 4 in Rosenheim – jenem Hotel, in dessen Hinterhof am gestrigen Donnerstag ein Neugeborenes gefunden wurde. „Ich war dabei“, sagt Reindl wenige Stunden nach dem Fund am Telefon.

Er und ein Gast hätten am Morgen gegen 8 Uhr im Hinterhof ein Wimmern gehört. Als sie sich umsahen, entdeckten sie einen Stoffbeutel, umwickelt mit einer dicken Decke. Darin: ein Baby. „Wir haben die Tüte aufgemacht. Da lag ein kleines Mädchen drin. Die Nabelschnur war noch dran. Das Baby hat sofort angefangen zu schreien“, sagt Reindl gegenüber dem OVB. Sein Gast habe anschließend die Polizei verständigt. Kurze Zeit später seien zahlreiche Einsatzkräfte in der Bahnhofstraße eingetroffen. „Es war ein Riesenauflauf“, erinnert sich Reindl.

Sanitäter hätten das Baby sogleich versorgt und umgehend ins Romed-Klinikum in Rosenheim gebracht. Reindl vermutet – ähnlich wie die Polizei – dass das Neugeborene kurz vor dem Fund ausgesetzt wurde.

Die gute Nachricht: Das Baby lebt. Seitens des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd heißt es dazu: „Nach derzeitigem Stand ist davon auszugehen, dass durch ärztliche Maßnahmen der Gesundheitszustand des Säuglings stabilisiert werden konnte und keine Lebensgefahr mehr besteht.“

Von der Kindsmutter
fehlt jede Spur

Von der Kindsmutter fehlt indes jede Spur: Beamte des Kriminaldauerdienstes des zuständigen Fachkommissariats 1 sowie des Fachkommissariats für Spurensicherung der Kriminalinspektion Rosenheim – unter Leitung der zuständigen Staatsanwaltschaft – haben die Ermittlungen aufgenommen. Zahlreiche Streifen machten sich im Anschluss auf die Suche nach der Mutter – Stand 9. März 16.30 Uhr jedoch ohne Erfolg.

Anhaltspunkte, wer das Kind im Hof des Hotels abgelegt haben könnte, hat zumindest Hotelchef Franz Reindl keine. Der Hof sei frei zugänglich. Von seinen Gästen sei niemand schwanger gewesen. Eine Geburt im Hotel schließt er aus.

Das Geschehen erinnert an den Fund des toten Säuglings nahe eines Wanderparkplatzes bei Ruhpolding im Dezember 2022. Ein Zeuge hatte das Neugeborene im Wald entdeckt und die Einsatzkräfte verständigt. Eine im Anschluss durchgeführte Obduktion ergab Hinweise auf einen gewaltsamen Tod. Die Staatsanwaltschaft hatte daraufhin die Ermittlungen wegen eines Tötungsdelikts eingeleitet. Trotz eines Auftritts bei der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY …ungelöst“ gibt es im Moment noch keine neuen Erkenntnisse im Fall Ruhpolding.

Nach dem Fund in Ruhpolding entbrannte in Traunstein eine Diskussion darüber, ob es eine Babyklappe braucht oder nicht. Grünen-Kreisrätin Marianne Penn aus Trostberg hatte in einer Sitzung des Kreistags angeregt, eine Babyklappe am Klinikum Traunstein prüfen zu lassen. Nun soll der Vorschlag offenbar in die Tat umgesetzt werden.

In Bayern gibt es insgesamt zwölf Babyklappen, davon sechs in Oberbayern – zwei in München, jeweils eine in Ingolstadt, Weilheim, Schongau und Altötting. Im Landkreis Traunstein soll jetzt ebenfalls eine Babyklappe eingerichtet werden.

Anders im Raum Rosenheim: Weder in der Stadt noch im Landkreis Rosenheim gibt es eine solche Einrichtung. „Nach Einschätzung der Verwaltung besteht kein Bedarf, eine Babyklappe einzurichten“, sagte Stadtsprecher Christian Schwalm in der Vergangenheit. Vielmehr sollte auf die Möglichkeit der vertraulichen Geburt, der anonymen Beratung durch die Schwangerenberatungsstellen, die Adoptionsvermittlungsstellen, der Koordinierungsstelle Frühe Kindheit-Koki und auf das Hilfetelefon „Schwangere in Not“ aufmerksam gemacht werden. An dieser Haltung hat auch der Fund des Neugeborenen inmitten von Rosenheim am Donnerstag, 9. März, nichts geändert: Die Stadt bleibt auf OVB-Anfrage bei ihrem Nein zur Babyklappe.

Anders die CSU Rosenheim, die am Donnerstag umgehend reagierte und bereits am Nachmittag in einem Antrag an Oberbürgermeister Andreas März die Stadtverwaltung explizit auffordert, unter Einbeziehung des Romed-Klinikums die Einrichtung einer Babyklappe im Rosenheimer Stadtgebiet zu prüfen. „Natürlich sind wir der Auffassung, dass alles dafür getan werden muss, dass werdende Mütter sich in der Lage sehen, selbst für ihr Kind zu sorgen. Angefangen bei der Schwangerschaftsberatung bis hin zur Hilfe bei eventueller Wohnraumsuche“, sagt CSU-Stadtrat Florian Ludwig. Aber: In den Fällen, in denen sich die werdenden Mütter trotz aller Angebote nicht in der Lage sehen, sich selbst um ihr Kind zu kümmern, sehe seine Fraktion die Babyklappe als letzte Chance, das Leben neugeborener Kinder zu retten.

Doch wie geht es nun weiter mit dem kleinen Findelkind? Stadtsprecher Christian Schwalm zufolge wird der Säugling vorerst im Romed-Klinikum bleiben und anschließend an Pflegeeltern übergeben. „Es gibt Familien in der Stadt, die sich kurzfristig zur Verfügung stellen“, erklärt er. Hierbei handele es sich um eine sogenannte Bereitschaftspflege. Mitarbeiter des Regionalen Sozialdienstes würden sich zudem um einen Vormund kümmern, der beispielsweise berechtigt ist, Unterschriften zu leisten. In diesem Zusammenhang weist Schwalm darauf hin, dass es in den vergangenen Jahren keinen vergleichbaren Fall in der Stadt gegeben hat.

Keine ähnlichen
Fälle bekannt

Eine Aussage, die sowohl Elisabeth Siebeneicher, Pressesprecherin des Romed-Klinikums, als auch Polizeihauptkommissar Robert Maurer von der PI Rosenheim bereits in der Vergangenheit getätigt hatten. Und auch Franz Reindl vom Hotel „Wendelstein“ habe so etwas wie am Donnerstagvormittag noch nie erlebt.

Polizei sucht nach Zeugen

Artikel 2 von 11