Zwischen Satiriker und Grobian

von Redaktion

Peter Kirmairs Comeback beim Rosenheimer Starkbierfest

Rosenheim – Das erste Mal seit drei Jahren und das letzte Mal überhaupt? Fastenprediger Peter Kirmair tritt nach drei Jahren Corona-Pause am heutigen Freitag wieder beim Starkbierfest von Auerbräu in Rosenheim an. Einen Fastenprediger, den stellt man sich selbstbewusst vor; mal hinterkünftig, mal auftrumpfend, insgesamt aber als eingetragenes Mitglied der Abteilung Spott und Attacke. Und eigentlich ist das Peter Kirmair (66) ja auch: Einer, der den Rosenheimern und der Politik derb und unterhaltsam die Leviten liest.

Jedoch: Beim OVB-Gespräch ein paar Tage vor dem Starkbieranstich am 10. März ist ein anderer Kirmair zu erleben. Ein nachdenklicher Mann. Einer, der durch die Gläser seiner Hornbrille zurückblickt auf drei seltsame Jahre. Und der sich nicht sicher ist, ob man wieder so richtig anknüpfen kann an die Zeit davor. Weil sich so viel geändert hat. Dieser Auftritt am 10. März in der Inntalhalle: Er ist etwas besonderes. Nicht nur wegen des Comebacks.

Ein dunkler Gast
vor den Toren

Rückblende in den März 2020. Peter Kirmair macht das, was er seit 1996 um die Zeit herum macht. Er tritt beim Starkbieranstich von Auerbräu auf. Kirmair predigt den Menschen in der Inntalhalle und zaust die bekannteren Gäste. Gabi Bauer zum Beispiel, noch Oberbürgermeisterin der Stadt Rosenheim. „Gengans hoid a auf einen Gnadenhof“, spottet Kirmair. „Ja, so wia Ihr Freind, des Polizeipferdl, da Vulkan. Der derf nach 17 Dienstjahr seinen Lebensabend auf Gut Aiderbichl verbinga. Ihr zwoa mitanand, war des nix, ha?“

In die frechen Reden mischt sich an diesem Tag vor drei Jahren ein nachdenklicherer Ton. Kirmair spricht von dieser unbekannten Gefahr, die näher und näher kommt, „schnell und unauffällig“, wie er sagt.

Der Coronavirus breitet sich gerade aus, Kirmair staunt: „Wahnsinn ha, wia der um de Welt saust. Mei, auch ein Preis der Globalisierung.“ Kurz darauf wird das Starkbierfest abgebrochen, nach ihm beginnt vieles andere erst gar nicht mehr. Corona hat die Stadt, den Landkreis, Bayern, die Welt im Griff. Schockstarre. Kinder müssen der Schule fernbleiben, Kneipen und Restaurants werden zum Schließen verdammt, desgleichen Theater und Museen und überhaupt alles. Irgendwann dürfen die Bürger von Hotspots einen gewissen Radius nicht mehr verlassen. Und in den eigenen vier Wänden lernen die Menschen neue Wörter wie „Inzidenzzahl“ oder „Subtyp“.

Der Virus tötet Menschen, lässt andere mit schweren Nachwirkungen kämpfen. Er infiziert aber auch die Seelen – der Erreger stresst die Gesellschaft, er spaltet sie. „Zwischen „Freunden, Familien, Kollegen“ haben sich Risse aufgetan, beobachtet Kirmair: „Der Umgangston ist schwierig geworden“. Es habe sich überhaupt viel verändert, findet er. „Auch von den Empfindlichkeiten her. Man muss heut unheimlich aufpassen.“

Als „Mann mit vielen Facetten“ bezeichnet sich Kirmair auf seiner Facebook-Seite selbst. Er verdiente sein Geld mit seinem Druck-Betrieb, ist Lokalmatador, Familienvater, Kabarettist, aber auch Schauspieler bei der Volksbühne Rosenheim. Der öffentliche und der private Mensch wohnen in seiner Person sehr nah beieinander. Die Grenze ist so schmal und manchmal so undeutlich wie der Strich zwischen tratzen und beleidigen, spotten und verletzen, zurechtrücken und niedermachen, zwischen Satiriker oder Grobian. Oder, auf der anderen Seite, so verschwommen unterschieden wie Sensibilität und Empfindlichkeit.

„Ich versuche zu verarbeiten, was ich von den Leuten höre“, sagt Kirmair, aber er verarbeitet längst nicht alles, was er hört. Denn wenn er wieder herabsteigt vom Podium, dann ist er wieder Rosenheimer. So wie die anderen auch. Und Kirmair will nicht an einem besonderen Tag die Erde verbrennen, die er an den restlichen 364 Tagen „Heimat“ nennt. Möglicherweise sucht er sich seine Ziele auch danach aus – nach Beschussfestigkeit. „Der Adolf Dinglreiter zum Beispiel, der langjährige Landtagsabgeordnete, der hat‘s immer professionell genommen, der war nie beleidigt.“ Gabi Bauer? „Die hat auch immer raufgelacht. Aber ich kenn ihr Lachen ja auch schon lang, und so richtig Spaß hat sie, glaub‘ ich, nie gehabt.“

So viel ist sicher: Auch für Bauers Nachfolger Andreas März ist der 10. März etwas Besonderes, das erste Mal gerät er als Oberbürgermeister unter Beschuss. Wobei Kirmair kein Derblecken nach Rang garantiert: „Das muss jeder für sich empfinden, ob er sich da an der Spitze sieht oder wie wichtig er ist.“ Ein bisschen hört sich‘s an, als ziehe er Fazit. Unterhalten habe er wollen, allerdings ohne Schenkelklopfer am laufenden Band. „Ich war politisch nie korrekt“, sagt er. Andererseits: „Vielleicht war ich zu harmlos, ich tu ja niemandem weh.“ Ein bisschen neidisch blickt er über die Grenze, zum Kollegen in Kufstein. Der hat‘s geschafft, „dass die Frau des Bürgermeisters empört den Rückzug antritt, und der Bürgermeister ihr hinterher.“

Das erste Mal
nach Corona

Es ist das 25. Mal, es ist das erste Mal nach Corona. Und es könnte das letzte Mal sein. Kirmair ist nun 66, in dem Alter also, das Udo Jürgens als den Beginn des eigentlichen Lebens besang. „Ich bin froh, dass ich so alt geworden bin“, sagt Kirmair. Der Familienmensch wird sich verstärkt um seine Kinder und Enkelkinder kümmern, man kann sich den scharfzüngigen Redner ja auch wirklich gut als verschmitzten Vorleser vorstellen. Und er wird Theater spielen. Im Sommer steht nach langer Pause wieder der „Brandner Kaspar“ auf dem Programm.

Abschied also? „Möglich“, sagt Kirmair und lächelt fein. Aber natürlich kann es sein, dass er schon bald nach dem Freitag wieder diesen Drang verspürt, Funken aus den Rosenheimer Geschichten und Geschichtchen zu schlagen. Die Welt dreht sich weiter, und manchmal ist der Dreh zu verrückt, um ihn unkommentiert zu lassen. Festlegen will er sich aber auch aus Gründen der Abschreckung nicht. Nicht, dass einer über ihn herfällt, weil er keinen öffentlichen Spott mehr fürchten muss. „Ich komm wieder“, sagt Kirmair daher vorausblickend, „seid’s vorsichtig.“

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