Rosenheim/Raubling/Rohrdorf – Lärm, teils weit über der Schmerzgrenze. Menschen, die nahe an einer Bahnstrecke wohnen, können davon ein Lied singen. Zu jeder Tag- und Nachtzeit rattern die Züge über die Schienen und stören die Ruhe. Besonders die lauten Pfeiftöne, die Züge an Bahnübergängen ausstoßen, erreichen teils extreme Lautstärken.
„Der Lärm, den die Pfeifsignale der Bahn verursachen, kommt teilweise einer Körperverletzung gleich“, sagte Rohrdorfs Gemeinderatsmitglied Karl Heinz Silichner (CSU) etwa auf einer Sitzung des Gemeinderats im Jahr 2021. Damals war im Auftrag der Gemeinde ein Lärmgutachten erstellt worden, das Spitzenwerte durch pfeifende Loks von bis zu 118 Dezibel ergab. Ein Lärmwert von mehr als 100 wird als jenseits der Schmerzgrenze angesehen.
Betroffene können
Fragebogen ausfüllen
Um dem Problem zu begegnen, will das Eisenbahn-Bundesamt einen Lärmaktionsplan erstellen. Daran soll sich auch die Öffentlichkeit beteiligen.
Bis ein Lärmaktionsplan durch das Eisenbahn-Bundesamt erstellt werden kann, durchläuft das Verfahren mehrere Phasen. In der ersten, derzeit laufenden Phase können die Bürger Auskünfte zu ihrer individuellen Lärmsituation geben und sich zu den Auswirkungen von Lärm und den bereits betroffenen Lärmschutzmaßnahmen äußern. Hier kann jeder mitmachen, der mit dem Thema Lärm auf der Schiene zu kämpfen hat. Das Eisenbahn-Bundesamt hat dazu eine Homepage eingerichtet. Unter laermaktionsplanung-schiene.de ist ein Fragebogen zu finden, in dem jeder seine Probleme mit der Bahn äußern kann. Diese Bürgerbeteiligung läuft noch bis zum 24. April 2023.
Im Anschluss veröffentlicht das Bundesamt einen Entwurf seines Lärmaktionsplans. Daraufhin wird eine zweite Bürgerbeteiligung folgen, in der die Bürger den Entwurf bewerten und Rückmeldung geben können. Erst dann werden die Ergebnisse in einem finalen Lärmaktionsplan zusammengestellt und vorgestellt.
Dieter Mini wohnt in Raubling, direkt an den Bahngleisen. Auch er leidet unter den vielen Zügen. „Bei uns im Bereich gibt es zwei Überholgleise mit Weichen. Diese Weichen schlagen – und das von Anfang an.“ Schon 1998 hat sich Mini mit einem Schreiben an die Bahn gewandt und auf das Problem aufmerksam gemacht. Passiert ist seitdem nichts. „Es wurden Verbesserungen versprochen, aber da ist nichts passiert.“
Alle fünf, sechs
Minuten ein Zug
Auch bei Öffentlichkeitsbeteiligungen hat Mini bereits mitgemacht. „Ich habe einmal in einer Nacht aufgenommen, wie viele Züge bei uns vorbeikommen. Zwischen 3.48 und 4.49 Uhr waren es elf Züge in beide Richtungen.“ Das sind alle fünf, sechs Minuten ein Zug. Zur Schlafenszeit. „Und die Weiche schlägt und schlägt.“
Nicht nur Bürger können an der Erarbeitung des Lärmaktionsplans mitmachen, auch ganze Kommunen sind aufgerufen, ihre Stellungnahmen einzureichen. So nehmen unter anderem die Gemeinden Raubling und Oberaudorf teil, wie die Verwaltungen dem OVB mitteilen. Auch dort haben die Bürger seit Jahren unter dem Lärm der Bahnstrecke zwischen Kufstein und Rosenheim zu leiden.
Auch in Rohrdorf wird schon lange gegen den Lärm auf der Schiene gekämpft. Deswegen würde die Gemeinde auch gerne an der Bürgerbeteiligung teilnehmen – sie darf aber nicht. „Wir können uns nicht beteiligen, weil das nicht für Nebenstrecken gilt“, sagt Rohrdorfs Bürgermeister Simon Hausstetter. „Wir haben extra nachgefragt, aber unsere Strecke ist ja nur eine Güterstrecke zum Zementwerk und deswegen können wir uns leider an dem Verfahren nicht beteiligen.“ Man sei auch im Austausch mit der DB Netz AG, um die Bahnübergänge zu sichern, damit ein Pfeifen der Züge nicht mehr notwendig ist. „Aber das ist ein langwieriger Prozess“, sagt Hausstetter.
Der Lärmaktionsplan ist ein Bestandteil mehrerer gesetzlicher Maßnahmen der EU und Deutschlands, um die Lärmsituation richtig bewerten zu können. Deswegen wird auch die Öffentlichkeit mit einbezogen, denn dort kommt der Lärm schließlich an. Denn dauerhafte, laute Töne können sich auf die Gesundheit der Menschen auswirken.
„Die Mühlen bei der
Bahn mahlen langsam“
So wie Stress kann auch Lärm zu Nervosität, Angespanntheit, Müdigkeit und Niedergeschlagenheit führen. Anhaltende Lärmbelästigung kann zudem Gehörschäden und Bluthochdruck auslösen. Das ist auch den Informationen zum Lärmaktionsplan zu entnehmen.
Dass sich aus dem Lärmaktionsplan in absehbarer Zeit konkrete Maßnahmen ergeben, erscheint jedoch eher unwahrscheinlich. „Die Mühlen bei der Deutschen Bahn mahlen langsam“, sagt Rohrdorfs Bürgermeister Simon Hausstetter dazu. „Wenn da von der hohen Politik nicht auch entsprechender Druck kommt, wird das schwierig werden.“