Oberaudorf – Am Samstagvormittag, da war das Wochenende am Bichlersee in Oberaudorf noch in Ordnung. Die Aufregung über die drei vom Bären gerissenen Schafe war gerade abgeklungen. Sogar die Sonne schien. Da verbreitete sich die neue Hiobsbotschaft. Erneut waren Tiere gerissen worden. Erneut nicht weit weg vom Bichlersee. Diesmal wahrscheinlich vom Wolf. „Grausige Funde“ seien das gewesen, sagt Simone Braun vom Berggasthof Bichlersee.
Kombination
zweier Beutegreifer
„Damit hat sich die Situation wieder zugespitzt“, sagt sie. „Mit der Kombination zweier großer Beutegreifer schaut es anders aus.“ Kein gutes Omen für die Tourismusregion Rosenheim, aber auch ein „Problem der gesamten Alpenregion“, wie Simone Braun findet. „Mit dem Thema werden wir uns mehr befassen müssen.“ Innerhalb von fünf Tagen sieben gerissene Tiere, zuletzt „keine 50 Meter von unserem Haus entfernt“ – auf den Höhen oberhalb Oberaudorfs zieht mit dem Frühling die Sorge ein.
Schwer getroffen vom Angriff auf seine Tiere ist Almbauer André Sigl. „Das schmerzt. Meine Tiere sind absolut sinnlos gestorben“, sagt er. „Man hofft, dass es schnell gegangen ist, aber sicher sein kann man sich auch nicht.“ Ein Lamm und zwei Mutterschafe wurden grausam verstümmelt und starben. Und zwar durch eine Attacke von Wölfen. Da ist sich Sigl „definitiv“ sicher.
Den schlimmsten Schock über den Angriff auf seine Tiere hat er mittlerweile überwunden. Doch eines macht ihm nun noch immer schwer zu schaffen. Ein Lämmchen hat seine Mutter verloren, „vier Wochen ist es alt. Und das schreit jetzt dauernd, weil es seine Mutter sucht“.
Wie soll das weitergehen? Einerseits wollen die Almbauern im Mai ihre Tiere auf die Weide führen. Die Zeit drängt, „weil sich das Futter dem Ende zuneigt“, wie Sepp Kern, Sprecher für den Almbauernbezirk Oberaudorf, sagt. Andererseits tappt seit Mitte April bereits ein Braunbär durch das Mangfallgebirge. Erst waren es Spuren, die der Bär im Schnee an der Felix-Alm hinterließ. Es folgten Berichte über Schafherden in Panik. Am 19. April schließlich wurden Schafe gerissen. Durch einen Braunbären. Das konnten die Experten vom Landesamt für Umwelt in Augsburg (LfU) anhand der Genanalyse des Abstrichs feststellen.
Und nun meldet sich auch noch der Wolf zurück. Bereits in den vergangenen Jahren hatten Wölfe die Almbauern immer wieder aufgeschreckt. Jetzt scheinen sich der oder die Wölfe mit den Bären um die Beute zu reißen. Am Samstag hatte André Sigl zunächst die Kadaver zweier Schafe entdeckt. Am Sonntag entdeckte er ein drittes totes Tier. Doppelt bedrückend für ihn: Das Tier war trächtig gewesen.
Was die Menschen im Inntal und in der Grenzregion nach Tirol zusätzlich verunsichert: Es wurden Bärenspuren auch am Sudelfeld gesichtet. Eine erste Meldung vom Donnerstag hatte sich noch als harmlos herausgestellt, die Experten vom Landesamt für Umwelt identifizierten die abfotografierten Spuren als Dachsspuren. Am Freitagabend aber löste ein Skitourengeher aus Rosenheim Alarm aus: Auf seinen Handy-Fotos erkannten die Experten tatsächlich Spuren eines Braunbären. Und zwar eines großen Braunbären.
Politik ist
unter Druck
Die Raubtiere bereiten nicht nur den Almbauern Sorgen, sie setzen auch die Politik unter Druck. Der Rosenheimer Landtagsabgeordnete Klaus Stöttner (CSU) sieht die aktuelle Entwicklung mit Bedenken, die sei keine Werbung für ein Familientourismusgebiet. Auch deswegen erwartet er sich von der Sitzung des bayerischen Kabinetts am Dienstag, 25. April, eine „deutliche Ansage“.
Der Rosenheimer AfD-Landtagsabgeordnete Andreas Winhart fordert kurzen Prozess, zumindest für Problemwölfe. Man könne Wölfe über die „Artenschutzrechtliche Ausnahmeverordnung“ entnehmen, und dies hätte längst umgesetzt werden können, kritisiert Winhart Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU). „Die Ministerin gefährdet mit ihrer zögerlichen Haltung das Tierwohl der Tiere auf Almen und die Existenz der Almbauern in Bayern.“
Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) appelliert an Bundesumweltministerin Steffi Lemke, den Beitrag der Almbauern zur Biodiversität zu bedenken. Neben dem Wolf bedrohe nun auch der Bär „ihre Tiere und ihre Existenz und in der Folge auch die gesamte Weidewirtschaft, die für den Lebensraum alpine Kulturlandschaft so entscheidend ist“. Ein komplexer Lebensraum mit vielen streng geschützten Arten gehe „unweigerlich verloren“, wenn die Almen nicht mehr bewirtschaftet werden. Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) hat sich vor der Sitzung des Kabinetts schon mal festgelegt. Man stehe auf der Seite der Almbauern und Weidetierhalter.
Daher werde man auch an Berlin für Rechtsänderungen appellieren. „Im Ernstfall kommen alle Maßnahmen in Betracht“, hatte er bereits vergangene Woche gesagt.