84-Jährige legt Bandenbetrüger rein

von Redaktion

Tochter bei der Polizei – Festnahme nach Schockanrufen in Schönau und Ruhpolding

Traunstein/Berchtesgadener Land – Eine gewiefte 84-jährige Dame aus Ruhpolding sorgte dafür, dass zwei mutmaßliche Mitglieder einer tschechischen Schockanruferbande hinter Gitter kamen. Eine 44-jährige angebliche Abholerin und ein 41-Jähriger als Fahrer des beschlagnahmten Fluchtfahrzeugs müssen sich derzeit vor der Sechsten Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Jacqueline Aßbichler wegen vollendeten und versuchten gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs verantworten. Mit dem Urteil wird am heutigen Donnerstag gerechnet. Prozessbeginn ist um 9 Uhr.

„Keilerin“ der
Organisation

Auch am zweiten Verhandlungstag wiesen die Angeklagten mit den Verteidigern Michael Vogel aus Traunstein und Julian Praun aus Traunreut zur Seite jegliche Vorwürfe zurück. Gemäß Anklage von Staatsanwalt Ferdinand Hohenleitner erfolgte der erste Anruf der Bande bei einer Frau in Schönau am Königssee am 9. September 2022 gegen mittags. Die Anruferin, als „Keilerin“ der Organisation fungierend, erzählte der Geschädigten, ihre Tochter habe einen „bekannten Politiker“, Vater von zwei Kindern, bei einem tödlichen Verkehrsunfall überfahren. Kurz darauf war ein „Herr Meier von der Polizei Bad Reichenhall“ in der Leitung und forderte 30000 Euro Kaution – um die Inhaftierung der Tochter zu vermeiden. Mit letztlich 20000 Euro begab sich die getäuschte Mutter zum Rathaus in Bad Reichenhall. Eine „Frau Mosch“ überreichte der Geschädigten laut Staatsanwalt eine Art „Bescheinigung zur Entlassung aus der Untersuchungshaft“ und nahm im Gegenzug das Geld an sich. Die Abholerin und der Fahrer erhielten als Lohn nach Staatsanwalt Hohenleitner 1600 beziehungsweise 400 Euro. Davon geht die Anklage aus. Vier Tage nach dem erfolgreichen Beutezug in Schönau erhielt eine 84-Jährige in Ruhpolding einen Anruf. Wieder war von einem „bekannten Politiker“ die Rede, der bei dem Unfall verstorben sei. Am Steuer sollte die Enkelin der Frau gesessen sein. 30000 Euro Kaution, zum Amtsgericht Traunstein zu bringen, könnten das Gefängnis vermeiden, hieß es. Was die Bande in der Tschechei nicht wusste: Die Tochter der 84-Jährigen ist Polizeibeamtin in Traunstein und war zufällig auch noch daheim im Nebenhaus. Und zudem war die Enkelin bekanntermaßen krank. Die alte Dame schaltete schnell und lief rüber zu ihrer Tochter. Nachdem sie das Handy auf Weisung der Kriminellen immer anlassen musste, tauschten sich die Polizistin von der KPIZ Oberbayern-Süd und ihre Mama schriftlich aus. Die Tochter riet, möglichst viel Zeit herauszuschinden – damit ihre Kolleginnen und Kollegen in Traunstein alles zur Festnahme der Täter unternehmen konnten.

Probleme mit
der Tresoruhr

Die Tochter instruierte auch ihren Sohn. Er war Schalterbeamter bei der Bank, bei der die 84-Jährige ihr Konto hatte. Der Enkel empfing die 84-Jährige per „Sie“, bot ihr einen Kaffee an, schilderte die Problematik der Zeitschaltuhr für den Tresor und überreichte der Großmutter nach gewisser Zeit einen Umschlag mit dem Geld. Das alles hörten die Täter via Handy mit. Die Frau schilderte dem Keiler, sie könne nicht mit dem Auto nach Traunstein fahren und regte die Geldübergabe in einer Bäckerei in Ruhpolding an. Die Abholerin griff dort zu dem Umschlag, in dem sich allerdings nur Papierschnitzel befanden. Dann klickten die Handschellen. Auch der Mitangeklagte konnte dingfest gemacht werden. Er saß wartend in einem Pkw Audi Q7 mit tschechischem Kennzeichen. Die ganze Aktion hatte etwa zweieinhalb Stunden gedauert.

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