20000 Seiten Aktenmaterial

von Redaktion

Polizei zieht vorläufigen Schlussstrich unter die Ermittlungen im Fall Hanna

Aschau – Am Donnerstagvormittag kurz nach elf Uhr, war es soweit: Die Soko „Club“ übergab ihre Unterlagen im Fall Hanna dem Staatsanwalt in Rosenheim. „Es sind um die 20000 Seiten“, sagte Oberstaatsanwalt Gunther Scharbert, Sprecher der Staatsanwaltschaft Traunstein, Zweigstelle Rosenheim.

Hervorragende
Zusammenarbeit

Damit können die Ermittler der Polizei einen vorläufigen Schlussstrich ziehen, 146 Tage, nachdem Hanna W. am 3. Oktober 2022 in Aschau einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen war. Die Polizei sei allen Details gewissenhaft nachgegangen, sagte Gunther Scharbert. Man sehe schon an der Fülle der Unterlagen, dass es sich um „sehr umfangreiche“ Ermittlungen handle.

Allerdings muss die Staatsanwaltschaft mit der Lektüre nicht von vorne anfangen, sie wurde immer wieder von der Polizei informiert. Ebenso wie Strafverteidiger Harald Baumgärtl: „Die Zusammenarbeit war hervorragend.“

Im Fokus der Ermittler stand zuletzt der dringend Tatverdächtige, ein junger Mann aus dem südlichen Landkreis Rosenheim. Strafverteidiger Harald Baumgärtl erwartet trotz der aufwendigen Ermittlungen einen komplizierten Prozess mit weitgehend offenem Ausgang für seinen Mandanten. „Fast gar nichts ist eindeutig“, sagte er. „Es ist an vielen Punkten möglich, dass der Staatsanwalt sagt, so war‘s. Und ich kann ebenso gut sagen, es war aber ganz anders.“

Es gebe, so sagt es Baumgärtl, viele Unsicherheiten: „Es ist eben nicht so wie bei einer Schlägerei auf dem Max-Josefs-Platz in Rosenheim, die von einer Videokamera aufgezeichnet wurde.“ Auch weil mitunter von einem „Mordfall Hanna“ zu lesen gewesen war, merkt er an: „Ich sehe bislang kein Mordmerkmal.“

Die 23 Jahre alte Studentin Hanna W. hatte am 2. Oktober 2022 in dem Club „Eiskeller“ in Aschau gefeiert. Am frühen Montagmorgen um halb drei Uhr hatte sie den Club verlassen. Im Haus ihrer Eltern in Aschau kam sie jedoch nie an.

Am frühen Nachmittag des nächsten Tages entdeckte ein Passant ihre Leiche in der Prien. Wie die Obduktion ergab, war die junge Frau Opfer eines Gewaltverbrechens geworden – eine Tat, die weit über Aschau hinaus für Entsetzen sorgte.

Die Ermittler gingen sofort an die Arbeit, um aufzuklären, was in den zwölf Stunden zwischen Hannas Verschwinden in der Nacht und dem Fund ihrer Leiche geschah. Es sollte eine Mammutaufgabe werden. Stefan Sonntag bezeichnet den Fall als den „aufwendigsten“, den er in seinen 13 Jahren Dienst in Rosenheim erlebt hat. In jedem Bereich sei der Aufwand „exorbitant“ gewesen.

Auf dem Höhepunkt der Ermittlungen hatten bis zu 60 Beamte Spuren gesucht, Videos ausgewertet – es handelte sich laut Polizei um 500 Gigabyte Daten – und mögliche Zeugen vernommen. Am 18. November 2022 nahm die Polizei schließlich einen dringend Tatverdächtigen fest: einen jungen Mann aus dem südlichen Landkreis, nach Polizeiangaben zwischen 18 und 21 Jahre alt.

Dennoch blieben Fragen offen. Hannas Mobiltelefon zum Beispiel wurde nie gefunden. Wurde es in den Chiemsee geschwemmt oder nahm es der Täter mit, um es später zu beseitigen? Das lässt sich vorerst nicht beantworten. Dennoch habe man Daten auslesen können, teilte Stefan Sonntag mit.

Welche genau könne er noch nicht mitteilen. Allgemein bekannt ist aber, dass man anhand des Mobiltelefons verfolgen kann, wann sich der Besitzer wo befand. Und zwar ohne Zugriff auf das Gerät selbst. Und auch bei weiteren Punkten wartet noch viel Arbeit. So gibt es weiterhin kein Geständnis. Der Verdächtige sitze weiterhin in U-Haft. Er schweige zu den Ereignissen der fraglichen Nacht, „was sein gutes Recht als Beschuldigter“ sei, wie Oberstaatsanwalt Scharbert sagte.

Doch gebe es Spuren und Hinweise, belastbar genug, dass der Ermittlungsrichter gegen den jungen Mann als „dringend Tatverdächtigen“ Untersuchungshaft angeordnet habe. So könne man zum Beispiel davon ausgehen, dass der Tatort „konkret im Bereich des Kampenwand-Parkplatzes“ liege. Im Bärbach war auch der Ring gefunden worden, den Hanna in der fraglichen Nacht getragen hatte.

Nahebei wurde auch eine auffällige Armbanduhr gefunden. Ihr Besitzer konnte erst in langwieriger Suche ermittelt werden. Es handelte sich um einen 32-jährigen Mann aus Baden-Württemberg. Kollegen einer Dienststelle vor Ort suchten ihn auf und klärten die Sache. Der Mann hatte sich während eines Firmenausflugs wenige Tage vor der Tat in Aschau aufgehalten und die Uhr infolge eines Missgeschicks verloren. Der 32-Jährige hatte mit der Tat nur nichts zu tun, „er hatte noch nicht einmal vom Fall Hanna gehört“, berichtet Stefan Sonntag. Für die Polizei ist die Arbeit im Fall Hanna fürs Erste getan. „Ein Berg musste überschritten werden“, sagte Sonntag dem OVB, „wir haben es so gemeistert, wie wir uns das vorgenommen hatten.“

Er sprach von einem Fall, der den Polizisten nicht nur viel Zeit und Mühe abverlangte, sondern sie auch emotional gefordert habe. „Die Ermittlungen gingen den Kollegen nahe“, sagte Sonntag. „Viele Kollegen wohnen in der Region, sie haben Kontakt mit Menschen dort. Das lässt uns nicht kalt.“

Prozessbeginn
im Spätsommer?

So geht es nun weiter: Staatsanwalt Wolfgang Fiedler, in Rosenheim zuständig für Kapitalverbrechen, wird die Ergebnisse der Polizei prüfen und sie dann rechtlich einordnen. Heißt üblicherweise: einen Tatvorwurf erheben und in seiner Anklageschrift auch begründen.

Das soll noch im Mai geschehen, in Haftdingen gilt der „Beschleunigungsgrundsatz“. Dann landet die Angelegenheit beim Gericht, das letztlich entscheiden muss, ob es die Klage zulässt. Dies vorausgesetzt, könnte wohl im Spätsommer der Prozess beginnen.

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