Weilheim-Schongau/Rosenheim – Das Wetter ist perfekt und auch der Wasserstand an der Ammer vielversprechend – Umstände, die eine 14-köpfige Kajakgruppe aus dem Landkreis Rosenheim am Samstag für eine Tour auf der Ammer nutzt. Mit dabei sind fünf Erwachsene sowie neun Kinder und Jugendliche. Kurz nach 15 Uhr nimmt der Ausflug eine dramatische Wende. Das Kajak eines elfjährigen Buben kentert in südlicher Richtung vor der Echelsbacher Brücke. Von dem Buben fehlt jede Spur. Die verzweifelte Gruppe ruft den Rettungsdienst zu Hilfe.
Suchaktion
mit Großaufgebot
Wenig später ist ein Großaufgebot an Rettern auf der Echelsbacher Brücke im Einsatz. Polizeihubschrauber, Rettungshubschrauber, Feuerwehren, Bergwachten, Rettungsdienste und Notfallseelsorge begleiten den Rettungseinsatz der Wasserrettung. Drei Teams der Wasserwachten Füssen, Uffing und Schongau versuchen von verschiedenen Einstiegsstellen an der Ammer, das Kind in den Fluten des Flusses ausfindig zu machen.
„Die Such- und Bergungsmaßnahmen gestalteten sich aufgrund der starken Strömung als extrem schwierig“, so ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd. Dementsprechend hätte die Suche nach dem vermissten Buben länger gedauert. Die Zeit läuft – am Ende gegen die Retter. Fast drei Stunden später finden sie den leblosen Körper des Elfjährigen im Wasser treibend – Informationen nach wohl unweit der Stelle, an der das Kanu des Buben gekentert war.
Fünf Erwachsene und acht Jugendliche und Kinder werden vom Kriseninterventionsteam betreut. Ebenso die Rettungskräfte. Insgesamt sind 60 Retter im Einsatz.
Notfallseelsorger
am Unglücksort
Pfarrer Dirk Wollenweber aus Peiting ist der oberste evangelische Notfallseelsorger in Bayern. Auch er war vor Ort, hat koordiniert, betreut. Ein solcher Einsatz, bei dem eine Jugendgruppe betroffen sei: „Das ist natürlich höchst dramatisch“, sagt er. „Die Retter haben wirklich um das Leben des Kindes gekämpft.“ Ein solcher Einsatz ginge bei einem solchen Ausgang natürlich nicht spurlos an den Einsatzkräften vorbei. Es könne Monate dauern, bis die Helfer die Bilder verarbeiten können, die sich ihnen bei solch einer Tragödie bieten.
Dass die Ammer aktuell eigentlich vom Wasserstand her optimal zu befahren ist, erklärt Karl Zwerger. Er ist der Vorsitzende der Kanuabteilung Schongau, kennt die Ammer bestens – sie ist das Haupt-Übungsrevier der Schongauer Kanuten. Zwerger warnt: Auch wenn die Ammer technisch einfach zu befahren sei, so gäbe es trotzdem „immer wieder Stellen, die nicht zu unterschätzen sind“.
Anspruchsvolle
Verhältnisse
So auch besagte Stelle in Richtung Süden, an der sich der tragische Unfall ereignet hat: Hier drücke das Wasser das Kanu in Richtung Ufer. „Wer hier einen technischen Fehler macht und sich dem entstehenden Druck nicht widersetzen kann, der kentert.“ Sich schwimmend aus der Ammer zu befreien, sei wiederum äußerst problematisch. Zwerger spricht von vielen Bäumen mit großen Ästen, die in der Ammer liegend zur tödlichen Gefahr werden könnten. „Das ist wie ein Sieb, durch das man nicht hindurchschwimmen kann.“
Gerade, weil die Ammer noch in der vergangenen Woche sehr hohe Wasserstände gehabt hätte, sei zum jetzigen Zeitpunkt bei einer Kajaktour höchste Vorsicht geboten. „Mit Hochwasser verändert sich der Fluss, Treibgut wird mitgerissen, landet an einer anderen Stelle.“ Das wiederum mache das Wasser noch unberechenbarer als es ohnehin schon ist. Karl Zwerger: „Kinder können vielleicht technisch gut fahren. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie die Gefahren des Wassers auch gut einschätzen können.“ Die Kripo Weilheim hat die Ermittlungen unter der Sachleitung der Staatsanwaltschaft München II aufgenommen.