Rosenheim – „HIV ist behandelbar! Es ist kein Todesurteil mehr. Ein Leben damit kann ein weitgehend normal sein“, sagt Dr. Michael Iberer. Wenn Patienten ihre Behandlung und Medikation befolgen, sind sie nicht ansteckend. „In jedem Fall“, so erklärt Iberer, „können Sie vom selben Löffel essen, aus dem gleichen Glas trinken, diese Menschen umarmen, küssen und so weiter. Wenn die Behandlung angelaufen ist, droht auch bei Sex keine Ansteckung mehr.“
Wir treffen Dr. Michael Iberer in seiner „Salinpraxis“ nahe dem Salingarten in Rosenheim. Besonders ein Punkt ist ihm wichtig: Betroffene sollen sich trauen, zum Arzt zu gehen.
HIV inzwischen
gut behandelbar
HIV – Das Kürzel steht für „Humanes Immundefizienz-Virus“. Eine unbehandelte Infektion führt nach einer – von Fall zu Fall – unterschiedlich langen, aber in der Regel mehrjährigen symptomfreien Latenzphase in der Regel zu Aids.
Die Entdeckung des HIVirus jährte sich kürzlich zum 40. Mal. Seit Anfang der 1980er-Jahre hat sich dessen Verbreitung zu einer Pandemie entwickelt, die nach Schätzungen des Programms der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) bisher mindestens 41 Millionen Menschenleben gefordert hat.
„Hierzulande ist HIV inzwischen gut behandelbar“, betont Iberer. „Die Zahl der Patienten nimmt auf niedrigem Niveau zu. Wobei da hineinspielt, dass sich die Zahl schlicht dadurch erhöht, dass kaum noch jemand vorzeitig stirbt und somit die Patientenzahl steigen kann.“
Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) gibt es derzeit insgesamt 25 HIV-Schwerpunktpraxen in Form von Medizinischen Versorgungszentren, Gemeinschafts- oder Einzelpraxen in Bayern. Von den 13 Praxen in Oberbayern seien zehn in München sowie jeweils eine in den Landkreisen Rosenheim, Starnberg und Traunstein.
„Uns gibt es seit dem April 2020“, berichtet Dr. Michael Iberer. „Davor gab es hier in der Region keine Praxis und die Menschen mussten nach München.“ Iberer ist Lungenfacharzt und Internist. „Über meine Beschäftigung mit Tuberkulose kam ich darüber hinaus zu einer Spezialisierung als Infektiologe. Dabei wiederum ist die Behandlung von HIV ein wichtiger Punkt. In der Folge habe ich mich an der Uniklinik in Regensburg bei Professor Dr. Bernd Salzberger weitergebildet.“ Salzberger gehört, nach Angaben des Klinikums, in seinem Fachbereich zu Deutschlands Top-Medizinern. Iberer war dann eine Weile am Romed-Klinikum Rosenheim als Infektiologe tätig, danach übernahm er die Hausarzt-Praxis von Dr. Bergmaier an der Salinstraße. Diese befindet sich nun unmittelbar am Salingarten. „So konnte hier endlich eine wichtige Lücke geschlossen werden, damit die Betroffenen nicht mehr bis nach München fahren müssen“, erklärt der Arzt.
Erkrankte werden oft
noch stigmatisiert
Die Tatsache, dass es sich bei seiner Praxis in erster Linie um eine Hausarzt-Praxis handle, biete zudem einen willkommenen Grad an Diskretion. „Wir sind in den 40 Jahren seit der Entdeckung dieser Krankheit schon weit gekommen. Aber es ist damit immer noch ein Stigma verbunden“, sagt Iberer. Es sei immer noch eine schambehaftete Erkrankung und die Betroffenen würden sich daher teilweise scheuen, zum Arzt zu gehen. „Ich muss weiterhin meinen Patienten sagen: Überlegen Sie sich gut, wem in Ihrem Umfeld Sie davon erzählen“, klagt Iberer. Denn leider seien viele Menschen immer noch nicht gut genug über die Krankheit aufgeklärt. „In der Folge kann es zu teils drastischer Ablehnung und zu Stigmatisierungen sowohl im Arbeits- wie auch im privaten Umfeld kommen“, weiß Iberer. „Das ist unbegründet und beruht auf immer noch im Umlauf befindlichen Vorurteilen.“
Ein Vorurteil, das sich hartnäckig hält, ist etwa, dass Betroffene selbst schuld an ihrer Erkrankung seien. „Mal abgesehen davon, dass das natürlich eine Unterstellung ist, die die Bereitschaft der betroffenen Menschen, sich behandeln zu lassen, senkt, kommt noch dazu, dass es jemanden auf alle möglichen Arten und Weisen erwischen kann“, gibt Iberer zu bedenken. Da wäre erst einmal der Fakt, dass unbehandeltes HIV erblich ist. „Wir haben hier ein Kind in Behandlung, welches das Virus schlicht von seiner Mutter übertragen bekam“, erzählt er. „Und HIV betrifft auch bei weitem nicht nur homosexuelle Menschen oder Drogenkonsumenten. Wir haben auch Fälle, in denen Leute das schlicht als ‚Souvenir‘ aus dem Urlaub in einem Land, in dem die Krankheit massiv in der Bevölkerung verbreitet ist, mitgebracht haben.“ Dabei sollte man nicht vergessen, so betont der Arzt, dass HIV zwar bei uns vor allem unter homosexuellen Männern verbreitet sei, in anderen Ländern aber vor allem Frauen betroffen seien.
Laut Iberer gibt es immer noch viele Erkrankte, die sich nicht zum Arzt trauen oder ihre Krankheit gar verleugnen. „Das ist ein Problem bei den meisten Geschlechtskrankheiten.“ Auch wenn die junge Generation zweifellos aufgeklärter und offener sei, gäbe es trotzdem weiterhin Wissenslücken und Nachholbedarf. 80 Patienten hat die HIV-Schwerpunktpraxis in Rosenheim derzeit. „Ein Querschnitt durch die Gesellschaft: alte und junge Patienten – mit allen möglichen Hintergründen. Migranten und Flüchtlinge sind davon übrigens eine verschwindende Minderheit, sie machen gerade mal eine Handvoll aus“, erzählt Iberer. Ein neuer Patient erhält in seiner Praxis erst einmal eine umfassende Diagnostik und einen „Rundumcheck“ auf Infektionen. „Wenn feststeht, in welchem Stadium die Krankheit ist, entscheiden wir gemeinsam die weitere Behandlung“, erläutert Iberer. „Anfangs sehen wir uns noch häufiger, dann immer nur auf kurzen Terminen. Dabei wird dann Blut abgenommen sowie die Medikamente angepasst und neue Rezepte ausgestellt.“
Betroffene bekommen
zeitnah einen Termin
Zu den „aktiven“ HIV-Patienten kommen laut Iberer noch etwa 200 „PrEP“-Empfänger dazu. Die HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) bezeichnet die Einnahme bestimmter Medikamente durch Menschen aus Risikogruppen. „Die sehen wir alle drei Monate.“ Hinzu kommt der hausärztliche Normalbetrieb. „Sagen wir mal, uns wird es nicht langweilig“, sagt Iberer. Trotzdem könne bei Bedarf zeitnah, binnen weniger Tage ein Termin organisiert werden. „Um es abschließend noch einmal zu sagen: Es ist inzwischen eine Krankheit, mit der man bei der richtigen Behandlung so gut wie normal leben kann,“ sagt er.