Ente und Bier statt Aiblinger Moor

von Redaktion

Herzchirurg Christiaan Barnard vor 25 Jahren zu Gast – Hansjörg Derx erinnert sich

Bad Aibling – Wie hängen die Liebe zum Fallschirmspringen, die APS-Therapie und der Besuch von Professor Christiaan Barnard vor 25 Jahren in Bad Aibling zusammen? Jener Mann, der die erste erfolgreiche Herzverpflanzung auf der Welt vorgenommen hat. Hansjörg Derx (84) ist der Schlüssel zu des Rätsels Lösung.

Fallschirmspringen war die große Leidenschaft des selbstständigen Unternehmers, der früher Gesellschafter der in der Kurstadt ansässigen Hansjörg Derx GmbH war. Die Firma hat sich auf den Vertrieb von Metallwaren samt Zubehör sowie auf den Verkauf des APS-Gerätes samt Zubehör spezialisiert.

Über 1100
Absprünge

Über 1100 Absprünge absolvierte Derx in den 70er- und 80er-Jahren als Mitglied des Münchner Fallschirmspringervereins. Ausgangsorte für sein Hobby waren viele Flugplätze in Deutschland und Europa. Vor rund 20 Jahren kehrte Derx das letzte Mal aus luftiger Höhe mit seinem Schirm zur Erde zurück.

Überaus beliebt waren bei ihm Absprünge aus bis zu 6000 Metern Höhe, die eine Minute freien Fall beinhalteten. Hierfür benötigten die Fallschirmspringer eine viermotorige Hercules C 130 als Transportmittel. Diese Sprünge in Südafrika zu absolvieren, war für Derx stets ein besonderer Hochgenuss, den er sich immer wieder einmal mit einigen seiner Vereinskameraden gönnte.

Bei seinen Aufenthalten an der Südspitze Afrikas knüpfte er auch unterschiedliche Kontakte zur heimischen Bevölkerung – unter anderem zu Gervan Lubbe. Er war Mitarbeiter der „South African Telecommunications Services“ und interessierte sich schon länger für Beiträge in medizinischen Fachzeitschriften, die von der Heilung kranker Menschen durch Stromimpulse berichteten.

Lubbe entwickelte schließlich das APS-Therapiegerät, welches den natürlichen Nervenimpuls simulieren und verstärken sowie auf diese Weise laut Produktbeschreibung Schmerzlinderung oder Heilung bei vielen Krankheitsbildern hervorrufen kann. APS steht für „Action potential simulation“, womit der elektrische Impuls gemeint ist, der durch das Nervensystem des Körpers läuft.

Eine Pionierleistung
in der Kardiologie

Lubbe überzeugte Derx davon, den Vertrieb des Gerätes auf dem deutschen Markt anzukurbeln. Es versprach unter anderem Linderung oder Heilung bei chronischen und akuten Schmerzen, bei Rheuma, Migräne, Osteoporose, Gicht, Arthritis oder diversen Sportverletzungen. „Ich habe das Gerät zunächst auf Kongressen von Heilpraktikern vorgestellt und die Therapieform auch bei Ärzten bekanntgemacht“, berichtet Derx von den bescheidenen Anfängen seiner Marketingstrategie. Um das Deutschland-Geschäft weiter in Schwung zu bringen, gewann der Hersteller Professor Barnard als Marketing-Botschafter. Der 1922 in Südafrika geborene Mediziner, der 2001 auf Zypern starb, war von der Wirkung der APS-Therapie zutiefst überzeugt. Ein prominenteres Gesicht hätte die Herstellerfirma kaum gewinnen können, war doch der am Groote-Schuur-Hospital in Kapstadt tätige Professor bereits damals ein Mediziner mit Weltruhm. Er leitete am 3. Dezember 1967 die erste erfolgreiche Herzverpflanzung der Welt, die an diesem Krankenhaus durchgeführt wurde. Ein 31-köpfiges Spezialisten-Team implantierte einem damals 55-jährigen Gemüsehändler ein fremdes Organ, mit dem der Mann noch 18 Tage lebte.

Wenn der Patient auch an den Folgen einer Infektion starb, so gilt der Eingriff bis heute als Pionierleistung in der Kardiologie. Barnard nahm danach noch weit über 1000 weitere Herzoperationen vor, darunter mehr als 420 Transplantationen eines solchen Organs.

Als er im Juni 1998 nach Bad Aibling kam, war er zwei Wochen lang im Hotel Schmelmer Hof einquartiert. Derx hat noch heute viele Erinnerungen an den Besuch – unter anderem in Form zahlreicher Fotos, die etliche private Alben füllen. „Ein sehr bescheidener und geselliger Mann“, sagt er rückblickend über den berühmten Herzchirurgen.

Derx und Barnard absolvierten während dessen zweiwöchigen Aufenthalts in der Kurstadt ein straffes Programm. Dienstliche Termine wechselten sich immer wieder mit viel Privatem ab, das die beiden Männer einander näherbrachte. Mit Barnard zusammen stellte er das APS-Gerät unter anderem in den Kliniken in Gabersee, Vogtareuth sowie in der Wendelsteinklinik und der Klinik St. Georg in Bad Aibling vor.

Chefarzt der Georg-Klinik war damals Professor Dr. Friedrich Douwes, der diese auch gegründet hat. Douwes starb im November vergangenen Jahres im Alter von 80 Jahren, sein Haus versteht sich noch heute als Fachklinik für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Onkologie. Als Spezialist für Krebsbehandlungen widmete sich Douwes vor allem der Bekämpfung von Krebserkrankungen mit Hyperthermie – eine Behandlungsmethode, bei der Wärme im Kampf gegen die entarteten Zellen zum Einsatz kommt.

Douwes interessierte sich nach Derx‘ Erinnerung sehr dafür, warum Barnard so ein leidenschaftlicher Befürworter der APS-Simulation war. Dass sich die beiden auch menschlich gut verstanden haben und Zeit für einen Scherz am Rande des Treffens blieb, davon zeugt ein altes Foto, das im Büro von Douwes entstand. Es zeigt die beiden Ärzte mit einem ausgeprägten Lächeln im Gesicht, während Barnard mit einem Stethoskop das Herz des Klinikchefs abhorcht. Auch zu einem Interview beim Bayerischen Rundfunk in München begleitete Derx seinen Gast. „Dass Barnard überzeugend für die Therapie geworben hat, das hat sich schon bald nach seinem Besuch gezeigt“, erinnert sich der Bad Aiblinger, ohne geschäftliche Details preisgeben zu wollen.

Während seines Aufenthalts in Bad Aibling musste der Herzchirurg nicht nur ein straffes Pflichtprogramm absolvieren. Es blieb auch genügend Zeit für die Geselligkeit und Begegnungen mit Menschen in der Stadt. Auf dem Aiblinger Pfingstvolksfest ließ sich Barnard beispielsweise eine frische Mass schmecken, auch eine Einkehr im Romantik-Hotel Lindner oder ein Besuch im damaligen Eiscafé Toscani in der Kirchzeile gehörten dazu.

Besonders angetan war der Gast aus Südafrika von einem gemeinsamen Nachmittag auf einer im Privatbesitz befindlichen Hütte oberhalb der Schuhbräualm. Derx‘ Ehefrau verwöhnte die Gäste mit einem selbstzubereiteten Entenbraten mit Kartoffelknödeln, natürlich gab es auch ein echtes bayerisches Bier. „Es war einfach griabig“, erinnert sich Derx. Er und seine Familie haben Barnard nach seinem Besuch in Bad Aibling noch öfter privat zu Hause in Südafrika besucht. Der Kontakt riss bis zum Tod des Mediziners nie ab.

Auch im Goldenen Buch der Stadt Bad Aibling verewigte sich der prominente Gast. Er leistete am 30. Juni 1998 die erste von insgesamt fünf Unterschiften, die an den Besuch von ihm und einigen prominenten Kollegen erinnern. „Bürgermeister Dr. Werner Keitz hat damals das Rathaus eigens am Samstag für diesen Temin aufgesperrt“, weiß Hansjörg Derx noch heute. Und auch dem längst aus dem Amt geschiedenen Altbürgermeister ist das Treffen offenbar in guter Erinnerung geblieben. Er listet es jedenfalls in den Eintragungen der von ihm erstellten Aiblinger Chronik auf.

Unterhaltung mit
dem Altbürgermeister

Worüber sich Keitz und Barnard unterhalten haben, weiß Derx heute nicht mehr. Der Altbürgermeister war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Vielleicht hat auch das Aiblinger Moor eine Rolle gespielt, schließlich ist Bad Aibling das älteste Moorbad Bayerns. Sicher ist laut Derx jedoch, dass der Professor in Bad Aibling kein Moorbad genommen hat. Ob der Terminkalender kein freies Fenster dafür ließ oder der prominente Gast im Falle eines Falles doch lieber auf die APS-Stimulation statt auf den in der Eulenauer Filze gewonnenen Badetorf gesetzt hätte, das bleibt wohl auf Dauer ein mit Barnards Besuch in Bad Aibling verbundenes Fragezeichen.

Erst in Bad Aibling lernt Barnard seinen langjährigen Tortenlieferanten kennen

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