Rosenheim – Wir leben in Zeiten, in denen nichts mehr sicher scheint: Krieg an Europas Grenzen, Inflation, die Herausforderungen des Klimawandels, Arbeitskräftemangel – wohin man schaut, kaum noch etwas von dem, was einst als sicher galt, ist unverändert geblieben. Umso wichtiger ist jeder fester, beständiger Anker. Einer von ihnen ist die Diakonie Rosenheim.
„Typisch protestantisch“
Dieser einhelligen Meinung waren jedenfalls die Gäste, die sich zum 50. Geburtstag des Vereins versammelten. Sie kamen jedoch nicht nur um, zu feiern, sondern um in einer Podiumsdiskussion über die Stellung der „Diakonie zwischen Kirche und Staat“ zu sprechen. Das sei, so sagte scherzhaft einer der Diskussionsteilnehmer, Dr. Christian Albrecht, Theologieprofessor an der Münchner Universität, „eigentlich ein typisch protestantischer Wesenszug: Sich an seinem Jubiläumstag nicht zuallererst über das Erreichte zu freuen, sondern sich zu fragen, wo und wie man noch besser werden könne“.
Seiner Auffassung nach liegt das besondere Kennzeichen der Diakonie in ihrer unverrückbaren Maxime, die Würde des Menschen hochzuhalten. Ein urchristliches Thema, das mittlerweile zwar längst „säkularisiert“ sei, sprich in der außerkirchlichen Welt als feste Größe angekommen. Jedoch gleichzeitig auch Gefahr laufe, zu einer bloßen Worthülse zu werden. Die Diakonie aber fülle dieses Wort von der Bewahrung der Menschenwürde mit Leben, halte es tagtäglich „in jedem einzelnen Praxishandeln lebendig“ und trage somit wesentlich zu unserer gesellschaftlichen Gemeinsamkeit bei. „Helfen“ so betonte der Theologieprofessor, „ist eine vollgültige christliche Lebensform – sie steht und spricht für sich, da braucht es nicht unbedingt mehr“.
Damit war auch das Verhältnis zwischen Diakonie und Kirche angesprochen und der designierte Landesbischof Christian Kopp stimmte dieser Sicht der Dinge im Grunde zu: „Reden und beten alleine reicht nicht, es braucht auch das Handeln.“ Diakonie und Kirche, das seien zwei Geschwister, unterschiedlich, aber einander ebenbürtig.
Auf der Podiumsdiskussion ging es jedoch nicht nur um grundsätzliche, sondern auch um ganz praktische Fragen.
Einer der Arbeitsschwerpunkte der Diakonie gerade in Rosenheim liegt bei den Kindertagesstätten und die sind, wie überall im Land, geplagt vom Fachkräftemangel. Familienministerin Ulrike Scharf (CSU), auch sie eine Diskussionsteilnehmerin, legte dar, dass der Staat sich nur bemühen könne, hier Rahmenbedingungen zu optimieren. Dafür habe sich die Regierung gerade in den letzten Jahren mit vielfältigen Programmen zur zusätzlichen Ausbildung von Fachkräften auch intensiv eingesetzt.
Das allein, so die Ministerin, reiche aber nicht, es seien auch die Träger der Einrichtungen in der Pflicht: „Die Träger müssen gute und faire Arbeitgeber sein, die angemessene Bezahlung und ein positives Arbeitsumfeld schaffen“, betonte sie mehrmals „nur so wird es gelingen, Menschen für die Tätigkeit in den Kitas zu gewinnen und dort zu halten. Begeisterung für diesen Beruf gibt es, aber auf die allein kann man nicht bauen, man muss auch gute Arbeitsbedingungen schaffen“.
Bestätigt wurde das Bemühen der Regierung, die Rahmenbedingungen zu optimieren, von Dr. Andreas Dexheimer, dem Vorstand der Geschäftsleitung der Diakonie. Was man hier in jüngster Zeit auf die Füße gestellt habe, sei in der Tat hervorragend. Anders sähe es jedoch im Bereich der sozialen Arbeit aus, hier bestehe noch erheblicher Nachholbedarf. Und ganz allgemein gelte: „Wir müssen uns hier ehrlich machen. Wir werden in Zukunft trotz aller Bemühungen unweigerlich vor die Frage gestellt werden: Wollen wir unsere jetzigen Qualitätsziele in puncto Ausbildung und Qualifikation aufrechterhalten und in Folge in Kauf nehmen, dass wir einfach nicht mehr alle versorgen können. Oder hat für uns die Tatsache, dass jeder Anspruch auf Unterstützung hat, den höheren Stellenwert, weshalb wir die Begriffe Qualifikation und professionelle Qualität neu denken müssen?“
Ganz schlimm stehe es auch um einen weiteren Brennpunkt: die Frage nach bezahlbarem Wohnraum. Hier habe man den Eindruck, es werde viel geredet, „tatsächlich passieren aber tut so gut wie nichts, und das auf allen Ebenen der Politik.“
Auch Sand im
Getriebe sein
Diese deutliche Kritik kam nicht von ungefähr. Zum grundlegenden Selbstbild der Diakonie, so Dexheimer, gehöre es auch, sich als Anwalt all jener zu verstehen, die selbst – ob dauerhaft oder im Moment – keine Stimme haben. Und Beatrix Frank-Baur, die Vorsitzende des Diakonischen Rates der Diakonie Rosenheim fügte hinzu: „Aufgabe der Diakonie ist es jetzt und wird es in Zukunft bleiben, bisweilen auch Sand, nicht Öl im Getriebe zu sein“