Das Geschenk der Stille

von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

„Antwort aus der Stille“, so heißt eine Erzählung des Schriftstellers Max Frisch. Dieses frühe Werk handelt von einem jungen Lehrer, der in einer Lebenskrise mit der Erstbesteigung einer bis dahin unbezwingbar erscheinenden Bergroute das Schicksal herausfordert. Am Ende erreicht er allein den Gipfel und gelangt zu der Einsicht, dass jedes Leben, auch das noch so gewöhnliche, lebenswert ist und seinen ganz eigenen Sinn hat. Er braucht die Herausforderung und Grenzerfahrung des Nordgrats, das Alleinsein und die Stille, um für sich zu einer Klarheit zu kommen und auch, um Gott zu finden. Diese Erzählung erinnert mich an die Geschichte des Elija in der Bibel. Auch er sucht eine Herausforderung, um seinen Gegnern und Kritikern die Gegenwart Gottes beweisen zu können. Es gelingt ihm zunächst mit einem dramatischen Schauspiel und doch bleibt er danach innerlich leer zurück. Erst auf dem Berg erkennt er Gott dann nicht im Feuer, nicht im Sturm oder Erdbeben, sondern in der Stille, im leisen Säuseln des Windes, im „sich verschwebenden Schweigen“, wie es Martin Buber übersetzt. Wir Menschen brauchen Zeiten der Stille für unser Leben. Manchmal scheint es so, als könne der moderne und vom Leben getriebene Mensch die Stille gar nicht mehr aushalten, denn sie wirft uns auf unsere eigenen offenen Lebensfragen zurück. Vielleicht ermöglichen uns die Sommertage, auch für uns selbst das Geschenk der Stille anzunehmen. Wenn wir den Mut haben, ihr etwas Raum und Zeit zu geben. Die Stille ist nicht leer. Sie ist voller Antworten.

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