Rosenheim – Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) spricht von einer „Revolution“, Romed-Chef Dr. Jens Deerberg-Wittram von Augenwischerei. „Es ist unklar, was da wirklich kommt“, sagt der Klinik-Manager. Das so überraschend schnell zustande gekommene Eckpunkte-Papier zur Reform im Gesundheitswesen zwischen Bund und Ländern stößt in der Region Rosenheim auf Skepsis. Den Menschen vorzugaukeln, die Probleme seien praktisch gelöst, sei „unredlich“, so Deerberg-Wittram.
So decke die Vorhaltefinanzierung die Risiken in der Kalkulation von Krankenhäusern etwa in der Unfallchirurgie nicht ab. Schon eine wetterbedingte Schwächung der Nachfrage – etwa, wenn weniger Menschen unter freiem Himmel ihrem Sport nachgehen können – bringe Krankenhäuser wegen des vorzuhaltenden Personals in die Bredouille. Mit Lauterbachs Vorschlägen werden Verluste jedoch nur teilweise ausgeglichen. „Mit Vorhaltefinanzierung soll sichergestellt werden, dass die Dinge in dieser grundsätzlichen Versorgung weiterlaufen“, sagt der Romed-Chef. „Doch da würde ich viele Fragezeichen setzen.“
Kommunen können Defizit nicht stemmen
Bis auf Weiteres bleibt außerdem unklar, wie kreisfreie Stadt und Landkreis Rosenheim nächstes Jahr das Defizit des Romed-Verbundes in einem Haushalt unterbringen wollen. Sicher ist: Es wird gespart oder es werden Vorhaben verschoben werden. Zuletzt war bekannt geworden, dass sich das Romed-Minus für 2023 auf bis zu 29 Millionen Euro belaufen könnte. Stadt und Landkreis müssten das Defizit je zur Hälfte tragen. Eine Last, die beide Kommunen nicht über Jahre hinweg stemmen können. Wie auch Landrat Otto Lederer und Oberbürgermeister Andreas März (beide CSU) hatte Romed auf mehr Geld vom Bund gesetzt.
Diese Hoffnung nährt Lauterbach jedoch nicht. Was ein „Vorschaltgesetz“ zur Bereitstellung zusätzlicher finanzieller Mittel für gebeutelte Krankenhäuser bis zum Greifen der Krankenhausreform betrifft, bleibe es bei der Position des Bundesgesundheitsministeriums: Eine Zusage von Geldern sei angesichts der Haushaltslage des Bundes nicht möglich.
„Es wird zu Schließungen kommen“, sagte Lauterbach. Einige Krankenhausinsolvenzen seien „nicht mehr abwendbar“. Lauterbachs Ankündigung, dass Schließungen von Krankenhäusern nicht zu vermeiden seien, nervt Deerberg-Wittram hörbar. Schließungen sparen nicht automatisch Geld, sagte er dem OVB.
Von Schließungen sieht Deerberg-Wittram unmittelbar keines der vier Häuser im Landkreis Rosenheim bedroht. In Wasserburg deckt eine Klinik die drei großen Notfälle – Schlaganfall, Herzinfarkt und Polytrauma – für den Norden der Region Rosenheim ab, in Rosenheim steht das große zentrale Haus. Aibling konzentriert sich auf Altersmedizin, Prien auf Erkrankungen des Bewegungsapparats. Da sei ein Netz der Gesundheitsvorsorge entstanden, wo man sich schon genau fragen müsse, wo man was wegnehmen könne, sagt der Romed-Chef.
Auch Rosenheims Oberbürgermeister März und Landrat Lederer hatten Schließungsüberlegungen eine Abfuhr erteilt.
Alle vier Standorte haben aber auch Notaufnahmen. An anderen Standorten spart man sich derlei, in Freilassing etwa oder in Berchtesgaden. Doch sei damit die Region Rosenheim nicht zu vergleichen, betont Deerberg-Wittram. Bad Aibling versorge einen großen Bereich mit Kolbermoor, Bruckmühl und Feldkirchen-Westerham mit, anders als Berchtesgaden. Es entlaste auch die Notaufnahme in Rosenheim.
Mit einer Schließung spare man auch nicht unbedingt. Jedes Krankenhaus mit Notaufnahme erhält dafür einen Zuschlag. Krankenhäuser ohne Notaufnahme hingegen müssen für jede Behandlung 60 Euro überweisen.
Geraten Notaufnahmen in den Fokus?
Personell falle die Notaufnahme in Bad Aibling kaum ins Gewicht. Beobachter stellen unabhängig davon immer wieder fest, dass Notaufnahmen für die Menschen ein wichtiges und hoch emotionales Thema sind.
Allerdings werde das Gesamtbudget auch nicht größer, sagte Deerberg-Wittram. „Deswegen müssen wir unsere Hausaufgaben machen, gucken, wie wir unsere Erlössituation verbessern können.“ Wenn das Minus zu groß bleibe, werden sich Stadtrat und Kreistag entscheiden müssen, „wollen wir dieses Defizit tragen, damit alle Standorte unangetastet bleiben? Dann wird man das Geld anderen Projekten entziehen müssen.“ Spätestens für Beginn nächsten Jahres rechnet er mit Diskussionen über die Zukunft des Romed-Verbunds.
Wegen des enormen für 2023 hochgerechneten Defizits von 29 Millionen kommen die Führungskräfte des Romed-Verbunds am kommenden Wochenende zu einer Konferenz zusammen. Diskutiert werden sollen Lösungsansätze. „Ein wichtiges Thema ist die Verkürzung der Verweildauer“, sagt Deerberg-Wittram. Auch die Nutzung gemeinsamer Ressourcen an teurer Medizintechnologie solle ausgedehnt werden.
Aufgaben hat seiner Ansicht auch die Politik noch reichlich zu erledigen. „Was im Moment auf dem Tisch liegt, ist unklar und lädt zu wildesten Spekulationen ein“, kritisiert der Romed-Geschäftsführer. Auch in der kreisfreien Stadt Rosenheim steht man vor Fragezeichen. Dass die Fallpauschalen in der jetzigen Form verschwinden sollen, werde niemand beklagen, sagte Sprecher Christian Schwalm. „Aber da ist ansonsten schon noch sehr viel Klärungsbedarf“, betont er.