Im Trüben nach Fakten fischen

von Redaktion

Abwasser als Testlieferant: Die LMU München arbeitet auf der Suche nach SARS-CoV-2 mit Kläranlagenbetreibern zusammen. So behalten Wissenschaftler Corona im Blick. Auch für die Region Rosenheim lassen sich so Erkenntnisse ableiten.

Rosenheim – Ist das die Rückkehr des Coronavirus? Die Zahlen steigen wieder, und die Geschwindigkeit der Ansteckungen könnte sich noch beschleunigen. Denn der neue Omikron-Subtyp EG.5 ist noch kontaktfreudiger, als es Omikron selbst zu Beginn war. EG.5 beginnt bereits, die „Konkurrenz“ zu verdrängen.

„Ein leichter
Wiederanstieg“

Es wird bei Weitem nicht mehr so viel getestet wie zu den Höhepunkten der Pandemie. Aber – noch werden die Fälle ans Gesundheitsamt gemeldet. Seit Ende Juli beobachte man einen „leichten Wiederanstieg“ der Meldezahlen, in der Woche nach dem 7. August seien es 19 Fälle gewesen, berichtet Amtschef Dr. Wolfgang Hierl. „Dies entspricht auch dem bundesweiten Trend“, sagt Hierl. Er gibt aber Entwarnung: „Insgesamt ist die Inzidenz sehr gering.“

Gleich mehrere
gute Nachrichten

Nicht die einzige gute Nachricht, die es zu verkünden gilt. Die Wichtigste: Hinweise für einen sich verschärfenden Krankheitsverlauf gibt es laut RKI bisher nicht. Hierl schließt sich dem an. Das Gesundheitsamt Rosenheim registriert noch keine Ausbrüche in Altenheimen oder Kliniken und „schwere Verlaufsformen sind uns nicht bekannt“. Eine weitere gute Nachricht betrifft gesunde Menschen unter 60. Für sie halten Wolfgang Hierl und die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Impfung für überflüssig. Hierl sieht die Möglichkeit einer großen Dunkelziffer. Da kaum getestet wird, sei kein sicheres Bild über die Infektionsaktivität in der Bevölkerung möglich. Rückschlüsse lässt allerdings das sogenannte Abwassermonitoring der Ludwig-Maximilians-Universität in München zu.

Zusammenarbeit
mit Kläranlagen

Aus der Sicht der Epidemiologen und Gesundheitsämter lässt sich im Trüben bestens nach Fakten fischen. Daher arbeitet die LMU nach Angaben des bayerischen Gesundheitsministeriums eng mit Betreibern von Kläranlagen zusammen. Durch die Analyse der Abwasserproben lässt sich die Virenlast bestimmen. Daraus ergibt sich, ob die Zahl der Ansteckungen steigt oder sinkt. Außerdem können die Labors feststellen, welche Variante, welcher Subtyp gerade auf dem Vormarsch ist. Und an verschiedenen Standorten wurde ein sprunghafter Anstieg von EG.5 registriert. So in Berchtesgaden, wo der Omikron-Abkömmling fast 50 Prozent der Virenlast stellte. Allerdings unterscheiden sich die Ergebnisse. Die Daten sammelt das „Molekulargenetische SARS-CoV-2 Überwachungsnetzwerk in Bayern“, kurz Bay-VOC. Auch Piding und Teisendorf sind Standorte von Bay-VOC – dort spielt EG.5 keine Rolle, es entfallen dort drei Viertel der Viren auf die Vorgänger-Mutation XBB.1.9. Ein Trend für ganz Bayern lässt sich aber ablesen: An drei Vierteln der Standorte steigt die Virenlast. Allerdings lag die Zahl der Standorte mit Virenlast-Steigerungen auch schon mal etwas höher.

Rosenheim hat kein
eigenes Monitoring

Kein Standort für Bay-VOC findet sich übrigens in Stadt und Landkreis Rosenheim. Zur Frage, warum das Abwasser ausgerechnet in der einstigen Hotspot-Region nicht ausgewertet wird, ließ sich am Donnerstag (24. August) an der LMU keine Antwort erhalten. Welche Variante wo auch immer gerade vorherrscht: Klar scheint, dass EG.5 unterm Strich ansteckender als die Vorgänger ist. Eine Beschleunigung des Ansteckungsgeschehens dürfte wie in den vergangenen Jahren von Rosenheims Herbstfest und der Rückkehr der Sommer-Urlauber ausgehen. Mit einer Verschärfung der Lage vergleichbar mit 2020 und 2021 rechnen die Verantwortlichen vorerst aber nicht.

Impfung für Ältere
oder Vorerkrankte

Wer auf Nummer sicher gehen möchte, muss nicht die Entwicklung extra auf EG.5 angepasster Impfstoffe abwarten. „Die verfügbaren Covid-19-Impfstoffe haben eine sehr gute Wirksamkeit auch gegen EG.5“, sagt Wolfgang Hierl. Die Stiko empfiehlt außerdem, dass Personen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf – darunter fallen Menschen ab 60 Jahren – sowie Personen mit erhöhtem Sars-CoV-2-Infektionsrisiko zukünftig Auffrischungsimpfungen erhalten. Der Abstand zur jüngsten Impfung davor sollte mindestens zwölf Monate betragen, die Impfung vorzugsweise im Herbst vorgenommen werden. Wer schon drei Antigen-Kontakte hatte – entweder durch Impfung oder Infektion – und unter 60 Jahre alt ist, braucht zunächst keine weitere Auffrischungsimpfung. Das gilt auch für schwangere Frauen. Im Zweifelsfall sollte man sich Rat holen. Doch wo, da Test- und Impfzentrum längst geschlossen wurden? „Die Haus- und Kinderärzte beraten gerne zu den Corona-Impfungen und führen diese auch durch“, sagt Hierl.

Empfehlungen
für das Herbstfest

Für den Besuch des Herbstfests empfiehlt Hierl ein Mindestmaß an Vorsicht und Rücksichtnahme: Wer Atemwegssymptome verspüre, solle einen Schnelltest machen. Ist dieser positiv, sollte ein Besuch tabu sein, sagt Hierl. „Nach telefonischer Vorankündigung sollte dann beim Hausarzt eine PCR-Testung zur Bestätigung erfolgen.“ Auch wer Großeltern oder andere möglicherweise anfällige Menschen besuchen wolle, solle vorab einen Selbsttest machen. Empfehlungen für Menschen, die Risikogruppen angehören, gibt es online beim RKI.

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